Mirko Bonné liest aus „Nie mehr Nacht“: Publikum lässt das Gehörte nachwirken

Über allem schwebt Ira

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Mirko Bonné gelang es, seine Zuhörer zu fesseln: Dunkle Schatten machten sich im Gewölbekeller der Ratsweinhandlung breit, der Roman „Nie mehr Nacht“ regte zum Nachdenken an.

Uelzen. „Nie mehr Nacht“, schon der Buchtitel des Schriftstellers Mirko Bonné weckt Vermutungen.

Nur noch Helles, kein Dunkel mehr? Oder ein verzweifelter Wunsch, dass alles sicht- und erkennbar bleibt? Die sehr gut besuchte Wein-Geister-Lesung mit Mirko Bonné im Gewölbekeller der Ratsweinhandlung, zu der die Werner-Bergengruen-Gesellschaft geladen hatte, ließ gleich mehrere Interpretationsansätze zu.

In drei Lese-Blöcken seines Romans gelang es ihm, die Zuhörenden zu packen, zu fesseln, sich intensiv in das Geschehen und die Figuren hineinzuversetzen und ihr Handeln und Denken nachzuempfinden. Und in Beziehung zu sich schimmern zu lassen.

Protagonist des Buches ist Markus Lee, der in den Herbstferien mit seinem Neffen Jesse in die französische Normandie fährt, um im Auftrag eines Kunstmagazins Brücken zu zeichnen, die bei der Landung der Alliierten 1944 eine Rolle spielten. Jesse kommt mit, um ein verlassenes Strandhotel zu hüten. Doch über allem schwebt der Tod von Ira, der Mutter des 15-jährigen Jesse und Schwester von Markus Lee. „Sie ist die eigentliche Hauptfigur, ihr Tod. Ein Suizid mit 49 Jahren nach Depressionen“, so Mirko Bonné sachlich.

Belgien während der Autoanreise: Die beiden haben sich nicht viel zu sagen. Dann berichtet Markus Lee von erotischen Erinnerungen an Belgien – damals nur ein bisschen älter als Jesse jetzt. Ein weiterer Teil beschreibt Ira, die sich selber als „alte, mausgraue Frau“ sieht, die vielleicht verwirrt ist. Irgendwie macht sich ein dunkler Schatten breit. Die Minen der Zuhörenden sind ernst. Es ist still. Jeder scheint das Gehörte nachwirken zu lassen oder ist mit eigenen ausgelösten Gedankensplittern befasst, durch Anspielungen, Hinweise, winzige Enthüllungen im Text.

Der letzte Leseabschnitt: Markus Lee, inzwischen monatelang in Frankreich, ist auf Sinnsuche. Systematisch „löst er sich auf“. Zunächst materiell, indem er seinen Besitz veräußert. Was bleibt übrig? Er will sich aus dem Leben verabschieden, seiner Schwester folgen, ist nicht bereit, sie aufzugeben.

Und Stopp. Wie es weitergeht, ob sein Leben eine helle Wende erfährt, welche Rolle die Kriegsgräber spielen und das Familiengeheimnis muss selber im Buch nachgelesen werden. Es sind lediglich vier Figuren, die kennen gelernt werden durften und an die 25 kommen vor.

Eine nachdenkliche, eher bedrückt wirkende Stimmung herrscht in der Runde. „Lesen sie wohl“, heißt es schmunzelnd zum Abschied, bevor es in die Nacht geht.

Von Ute Bautsch-Ludolfs

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