Gesammelt für „Kinder in Not“: Vereinschef in U-Haft

Das miese Spiel mit dem Mitleid

Uelzen. „Haben Sie ein Herz für krebskranke Kinder?“ Immer wieder hörten das Passanten in der Uelzener Fußgängerzone. Von 2008 bis ins Jahr 2010 standen die Sammler immer wieder mal in der Innenstadt – mal trugen sie Clownkostüme, mal Jacken mit der Aufschrift „Kinder in Not“.

Immer wieder untersagten Polizei und Ordnungsamt das Gebaren der teils aggressiv auftretenden Männer und Frauen. Doch viele Fußgänger spendeten. Jetzt hat das skrupellose Geschäft mit dem Mitleid ein juristisches Nachspiel: Der Vorsitzende des Vereins „Kinder in Not“, Jürgen W., sitzt in Untersuchungshaft. Ab 6. September muss er sich vor dem Landgericht Lüneburg verantworten. Gemeinschaftliche gewerbsmäßige Untreue wirft die Staatsanwaltschaft W. und seiner damaligen Lebensgefährtin vor.

Das Duo soll nur einen Bruchteil der gespendeten Gelder ihrem eigentlichen Zweck haben zukommen lassen – ein Großteil aber, so der Vorwurf, verwendeten sie, um ihren aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Laut Anklage soll das Duo mindestens 127 000 Euro erbettelt haben, davon seien lediglich 8650 Euro an Hilfsbedürftige gegangen. Die AZ hatte Jürgen W. vor zwei Jahren mit dem Vorwurf konfrontiert, einen Großteil der Spenden in die eigene Tasche zu stecken.

Der Vereinschef verweigerte damals die Auskunft darüber, welche Hilfsorganisationen mit den Geldern bedacht werden. Die obskure Begründung: Die Presse würde diese Spendenempfänger dann madig machen und die Bedürftigen würden deshalb das Geld verweigern – und das schade den Kindern. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Jürgen W. und seine damalige Lebensgefährtin verschiedene Werber angeheuert haben, die dann auf Spendensammlung gingen.

Manchmal zog sich W., der in Bardowick bei Lüneburg wohnt, auch selbst das Clownkostüm an. Gegen die Sammler, die bis zur Hälfte des gespendeten Geldes als Aufwandsentschädigung erhalten haben sollen, wird nicht ermittelt. Juristisch gesehen muss es bei dem Anklagevorwurf der Untreue auch einen Geschädigten geben. Und das ist kurioserweise der Verein „Kinder in Not“, den Jürgen W. selbst ins Leben gerufen hatte.

Dem Verein sei ein Schaden entstanden, weil die gesammelten Beträge nicht satzungskonform verwendet wurden, argumentiert die Staatsanwaltschaft. W. muss sich außerdem vor Gericht verantworten, weil er auch bei einem ähnlichen Verein seines Bruders in die Kasse gegriffen haben soll.

Kommentare