Merkel legt Alt-Meiler still

dpa/bs Uelzen/Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zieht Konsequenzen aus der Atomkatastrophe in Japan und setzt die erst im Herbst beschlossenen längeren Atom-Laufzeiten für drei Monate aus. Das kündigten Merkel und Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) gestern in Berlin an.

Alte Meiler, die nur wegen der längeren Laufzeiten noch am Netz sind, sollen abgeschaltet werden. Das seit rund 35 Jahren laufende Atomkraftwerk Neckarwestheim 1 (Baden-Württemberg) muss angesichts des Atom-Moratoriums der Regierung vom Netz genommen werden. Das machte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) gestern in Berlin deutlich. Der südhessische Atommeiler Biblis A geht nach Angaben der hessischen Landesregierung im Juni für zunächst einmal acht Monate vom Netz. Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) will das umstrittene Kernkraftwerk Isar I abschalten. Das sagte Söder nach Angaben informierter Kreise am Montag bei einer Telefonschalte des CSU-Präsidiums. Die Koalition will aber noch nicht auf die Atomkraft verzichten. Merkel sprach weiter von einer Brücke hin zu Öko-Energien.

Die Grünen-Bundestagsfraktion kündigte einen Gesetzentwurf zur Stilllegung der sieben ältesten Atomkraftwerke in Deutschland an. Die SPD-Spitze bekräftigte ihre Forderung nach einem schnellen Ausstieg aus der Atomenergie. SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte mehr konkrete Schritte für die Sicherheit der Kraftwerke. Auch im Kreis Uelzen wächst der Widerstand gegen die Atomkraft. Gestern Abend kamen auf Einladung der Bürgerinitiative (BI) gegen Atomanlagen Uelzen etwa 150 Menschen zu einer Protestkundgebung in der Uhlenköperstadt zusammen. Sie zogen von der Fußgängerzone über die Veerßer Straße bis zum Herzogenplatz. Die Botschaft auf ihren Plakaten, Transparenten, Fahnen und Flyern war eindeutig: „Atomanlagen sofort abschalten“.

„Der Name Fukushima muss heute gleichgenannt werden mit Tschernobyl. Er steht für das Versagen der Kernenergie“, sagte BI-Mitglied Renate Meyer-Wandtke. An fast 400 Orten in Deutschland habe es am Montag Proteste gegen Atomkraft gegeben, berichtete BI-Sprecher Bernd Ebeling. Er forderte, die abgeschalteten Atomkraftwerke in Krümmel und Brunsbüttel dürften nie wieder ans Netz gehen. „Krümmel ist nur etwa 50 Kilometer von Uelzen entfernt“, mahnte Ebeling. „Bei einem Atom-Unfall wären wir direkt betroffen.“

Eine der jüngsten Teilnehmerinnen der Mahnwache war die elfjährige Joline Heitmann aus Uelzen. „Die ganze Welt wird durch atomare Strahlung verseucht“, sagte sie und gab zu, dass sie Angst vor den dramatischen Ereignissen in Japan hat. Wurde sie von ihrer Mutter Gabi zum Mitmachen überredet? „Nein“, schüttelte diese den Kopf und lachte, „Joline hat mich mitgenommen.“

Der Uelzener Kreistag wird sich auf seiner nächsten Sitzung am 29. März ebenfalls mit dem Thema Atomkraft beschäftigen. So hat der FDP-Abgeordnete Horst-Michael Hintze jetzt schriftlich beantragt, dass das Gremium künftige Castor-Transporte durch das Gebiet des Landkreises Uelzen ablehnen möge. Im Falle einer Zugkatastrophe wie 1998 in Eschede könnte es zur Freisetzung hochradioaktiver Strahlung kommen, begründet Hintze seinen Antrag. Zudem sei der Katastrophenschutz des Landkreises für den Umgang mit leckgeschlagenen Castor-Behältern derzeit nicht ausgerüstet. Seiten 9-12

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