Wolfgang Scholz, Leiter der Bahnhofsmission, ist am Gleis 301 für jeden da

Menschlichkeit am Zug

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In ihren blauen Jacken empfangen Wolfgang Scholz und seine Mitarbeiter von der Uelzener Bahnhofsmission Reisende mit Geh- und Sehbehinderungen, alte Menschen, Mütter und Kinder. Wer sich aufwärmen will, wird in die Teestube eingeladen.

Uelzen. „Wolfgang ist jetzt da, ihr könnt gehen“ – an diese Worte eines seiner Schützlinge vom Martinshof erinnert sich Wolfgang Scholz besonders gerne. Seit sechs Jahren arbeitet der 55-Jährige bei der Uelzener Bahnhofsmission und begleitet Menschen – in Zügen, auf den Gleisen und in seiner Teestube.

Wegen seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten wurde er nun für „Mensch 2011“, eine Aktion der Allgemeinen Zeitung und der Sparkasse Uelzen Lüchow-Dannenberg, in der Kategorie Ehrenamt nominiert. Als der gelernte Maler und Metallbauer vor sieben Jahren aus gesundheitlichen Gründen in Erwerbsminderungsrente gehen musste, fiel er zunächst in ein Loch: „Von einem 12-Stunden-Tag runter auf Null, das war schon hart“, erinnert sich der Uelzener und fährt fort, ein paar Herzinfarkte später habe er jedoch kapiert, dass er kürzer treten müsse.

Das Angebot eines 1-Euro-Jobs bei der Bahnhofsmission nahm er anfänglich zögernd an. Zu wenig habe er mit der Einrichtung anfangen können, erinnert er sich. Doch das änderte sich bald. Es gab genug alte Leute, Mütter, Blinde, Menschen mit Behinderungen oder einfach Reisende, die Hilfe und Rat brauchten. Dazu kamen die vielen Gäste der Teestube: Obdachlose, einsame Seelen und inzwischen viele Stammgäste, die Wolfgang Scholz seine Arbeit haben zur Lebensaufgabe werden lassen. Nach Ablauf des Jahresvertrages stieg der 55-Jährige als ehrenamtlicher Mitarbeiter in das Team der Bahnhofsmission ein.

Als die Geschäftsleitung wegen einer Krankheit ausfiel, übernahm er nach und nach immer mehr Aufgaben. Inzwischen besetzt er die Stelle ganz. Über seine 30-Stunden-Woche hinaus geht der Uelzener mit ganzem Herzen seinen ehrenamtlichen Projekten nach. Dazu gehört zum Beispiel ein Umbau der Räumlichkeiten, damit die Mütter einen Raum zum Stillen und Wickeln bekommen. Oder die vielen Zugbegleitungen an den Wochenenden und unzähligen Stunden, die er mit seinen Gästen verbringt – dafür opfere er gerne seine Freizeit, berichtet Scholz.

Die Menschen bedeuteten ihm viel, fährt er fort. Da seien die Scheidungskinder, die einmal im Monat kommen und vom Bahnsteig abgeholt werden, ältere Menschen, die sein Team regelmäßig bis nach Hannover begleitet und die Kinder vom Martinshof, die von ihren Heimfahrten abgeholt werden. Und viele von den rund 160 Gästen der Teestube kämen immer wieder – zum klönen, aufwärmen oder weil sie Hilfe bräuchten. „Wenn wir um 8 Uhr morgens hier aufschließen, stehen schon so einige auf der Matte“, lacht er. Bis zum Nachmittag hat die Bahnhofsmission geöffnet. Am liebsten würde er das Angebot auch auf die Sonnabende ausweiten, gesteht Scholz.

Klar habe es auch schwierige Situationen gegeben, erzählt der 55-Jährige und erinnert sich an einen besonders aufgewühlten Gast: „Frau fort, Hund tot, Haus weg – alles verloren. Irgendwann habe ich die Polizei gerufen, die hat ihn dann in die Psychiatrie gebracht“, blickt er zurück, „schließlich haben wir hier auch Zug-Schnellverkehr.“ Einige Suizide auf den Bahnsteigen, hat der Uelzener in seiner Laufbahn jedoch schon mit ansehen müssen. Hier sei er, wie in so vielen anderen Punkten auch, nach seinem eigenen Schicksalsschlag ruhiger geworden.

Den rauen Ton vom Bau habe er sich abgewöhnt, lacht er und erklärt, inzwischen sei er relaxter mit allem. Auch seine Mitarbeiter wüssten die Mischung aus Autoritätsperson und Seelsorger zu schätzen, bestätigt Elke Holtheuer, die von ihrem Vorgesetzten so sehr schwärmt, dass er für sie der „Mensch 2011“ ist. Seine größten Fans jedoch hat Scholz in den Schülern des Martinshofes gefunden. Wenn er die geistig behinderten Jugendlichen einmal im Monat von ihren Wochenendbesuchen bei den Eltern abhole und zurück auf das Internat in den Landkreis bringe, überwiege die Wiedersehensfreude oft einem tränenreichen Abschied, Hauptsache: „Wolfgang ist da“.

Von Lea Bernsmann

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