Erinnerungen an Heute

(M)ein Apotheker

Kennen Sie Rudolf Keil? Nein? Wenn Sie ARD-Nachrichten schauen, kennen Sie ihn sicher: Das ist der sympathische Apotheker, der in der Werbung für ein natürlich sehr gesundes Mittel zum Dünnerwerden wirbt. Sehen Sie – Sie kennen ihn!

Mein Apotheker ist Klaus Heitmann in Ebstorf und er erfüllt alle Kriterien für einen sympathischen Werbeträger der Zunft der Apotheker – das tut auch der zweite Apotheker in Ebstorf, das tun die allermeisten Apotheker, die im Weiß nicht der Ärzte, sondern ihrem eigenen Weiß vor uns Patienten stehen seit Kaiser Friedrich II. 1231 in der Konstitution von Melfi in der Medizinalordnung die Berufe Arzt und Apotheker trennte. Vorher (und heimlich auch nachher wie die Leibärzte der Celler Herzöge noch bis 1705, von denen ein Anrührpöttchen für Pillen auf unserem Kamin steht) drehten die Ärzte die Pillen, rührten Salben und gesunde (Gegen-) Giftgetränke selbst an. Die Rezepte stammten von den ältesten Kräuterweiblein und frühen Priesterärzten, dann Wanderärzten, gingen weiter auf die mittelalterlichen Klostergärten und deren Betreuer, auf heilkundige Mönche und Nonnen über.

Die meisten chemischen Konsistenzen heutiger Medikamente sind immer noch mit ihm verwandt, dem Klostergarten. Quantitativ gesehen waren die Vorgänger der Apotheker mehr Frauen als Männer – keine Rudolf Keils aus der ARD oder Heitmanns oder Winters in Ebstorf. Heute müssen sie vier bis fünf Jahre an einer Uni Pharmazie studieren und die alte Personalunion von Arzt und Apotheker zeigt sich darin, dass manche Studieninhalte der Medizin von Apothekern mitstudiert werden. Wen sollen wir bei allen Nebenwirkungsfragen fragen? Unseren Arzt oder – richtig! Apotheker!Sie sind beide ranggleich – nicht nur akademisch, sondern in unserer Psyche auch Nachfolger der ersten Menschen, die uns in Nöten halfen: Vater und Mutter. Gute Apotheker und Ärzte sind ein bisschen beides, väterlich und mütterlich. Mein Apotheker kann jede und jeden, der da kommt, „abholen“ – im Ausdruck seines bärtigen Gesichts und im Repertoire seiner Körpersprache und vor allem der Stimme spiegelt sich seine Sorge, die er mit dem leidenden Patienten teilt. Diese Gabe heißt Für-Sorge. Bei anderen sieht der Patient seine Mitfreude, wenn das Leiden sich durch die Ware und Beratung, die er anbietet, mindern oder gar heilen ließ. Empathie heißt diese Gabe. Das macht mein Apotheker nicht allein, sondern mit elf Mitarbeitern, genauer Mitarbeiterinnen, denn nur er ist männlich – und ein Bote für Eiliges auch. Der Rest sind Frauen, Apothekerinnen wie er und Mitarbeiterinnen.

Mein Apotheker zeigt durch die Vielzahl seiner Frauen sein Wissen darum, dass Heilen und Lindern eigentlich zum „weiblichen Prinzip“ zählen. Deshalb auch zeugte er seine Tochter Eva Heitmann-Leong und lenkte sie unauffällig hin zur Pharmazie. Sie ist jetzt zusammen mit den anderen Frauen eine Art Teil-Mutter von uns, trägt gleich ihre Tochter Emma auf dem Arm, sodass wir schon 35 Jahre vorausahnen können, wer dann da steht. Mit soviel Frauen um sich zeigt ein Mann seine größte Stärke: die Stärke der Frauen anzuerkennen, mit denen er täglich 200 Patienten empfängt. Ich lernte: Statistisch lässt sich pro Patient täglich die Ration von drei Tabletten für oder gegen drei verschiedene Leiden oder zu vermeidende Leiden rechnen, das sind auf die gut 35 Berufsjahre Heitmanns 7 665 000 Tabletten. Die grobe Zahl gilt mindestens, weil wir keine Salben mitrechnen, keine Tropfen, keine Sprays. Als Sie anfingen, Herr Heitmann, war die Antibabypille immer noch neu und von Frauen so verschämt erbeten wie heute Viagra von Männern. Sie sind weise geworden bei soviel Geschichte und hier mein Dank für Ihre Weisheit! Ihrem jetzt reinen Frauenbetrieb alles Gute im „schlüsselförmigen Fruchtkörper der Scheibenpilze“ – so ist die genaue Übersetzung von Apothecium.

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Senior-Professor für Musikpsychotherapie der Musikhochschule Hamburg, arbeitet in Lehre und Forschung und als Schriftsteller, Prof. Dr. Decker-Voigt@t-online.de

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