Für mehr Wertschätzung: Lüneburger Fotograf lichtet Hebammen ab – auch aus dem Kreis Uelzen

Wenn die Welt kurz still steht

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Sigrun (56) aus Hannover: Ihre Aufgabe sieht sie darin, die Frau an ihr ureigenes Wissen zu erinnern und „möglichst unsichtbar deren Einzigartigkeit zu hüten“.

Uelzen/Lüneburg. „Was für ein schöner Beruf!“ Ausrufe wie diese hat Martina aus Lüneburg schon oft gehört. Und denkt sich manchmal ihren Teil dazu. Denn die 44-jährige Lüneburgerin ist Hebamme und, ja, sie kenne das Glück dieses Berufs.

Allerdings hat dieser Job auch andere Seiten: Die Arbeit der Hebammen wird wenig gewertschätzt, vor allem hohe Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung bringen viele von ihnen aktuell an den finanziellen Abgrund.

Um diese Frauen und ihre Arbeit ins rechte Licht zu rücken, hat der Lüneburger Fotograf Björn Schönfeld im Internet ein großes Fotoprojekt mit dem Titel „Das erste Gesicht“ gestartet.

Etwa 120 Hebammen in ganz Deutschland habe er dafür schon fotografiert, sagt er. Auslöser war für den Vater zweier Kinder, dass deren Hebamme – eine versierte und fähige Frau, wie er betont – an dem großen Druck ihrer beruflichen Situation zerbrochen ist. „Für diesen Beruf fehlt einfach die Anerkennung“, sagt Schönfeld, „die Frauen haben alle eine große Verantwortung und können etwas. Die stehen ja nicht mit Räucherstäbchen daneben und warten, bis das Kind kommt.“

Björn Schönfeld

Der Lüneburger wollte „dieses Brennen“ für den Beruf, das er bei allen abgelichteten Geburtshelferinnen erlebt hat, ins Bild nehmen. Auch die Uelzenerin Annika Menklein ist Teil des Fotoprojekts. Die 33-jährige Mutter zweier Kinder arbeitet seit zwölf Jahren als Hebamme. Mehr als 500 Geburten hat sie schon begleitet und liebt an ihrem Job die Vielfalt und dass sie Eltern auf ihrem Weg ins Familienleben unterstützen kann. Dabei gehe es nicht nur um die Geburt, sondern auch „um einen riesen Zeitraum drumherum“. Und viele, sagt sie, wüssten nicht, „dass auch Trauerarbeit bei Fehl- und Totgeburten zum Arbeitsgebiet der Hebamme gehören kann“.

„Da sein. Es mit aushalten.“ Das ist in diesen schweren Momenten auch für ihre Kollegin Martina aus Lüneburg wichtig. Die 25-jährige Johanna aus Lüneburg bringt derweil die wunderbare Seite ihres Berufs für sich auf den Punkt: Sie liebe den Moment der Geburt, „in dem die Welt kurz still steht, wenn Mutter und Kind Zeit haben, sich zu begrüßen“ und in dem sie selber „ganz ehrfürchtig“ sein dürfe.

Die Bienenbüttelerin Franziska Pfeil legt derweil noch einmal den Finger in die Wunde: Sie sei mit Enthusiasmus und Herzblut dabei. Obwohl sie sich ihren Nettoverdienst nicht ausrechnen dürfe. „Aber ich will nicht aufhören und ich möchte wieder Geburten begleiten, ohne vorher zu grübeln, ob ich mir das ,leisten’ kann. Ich will Hebamme bleiben!“

Von Ines Bräutigam

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