Immer häufiger greifen Arbeitnehmer zu leistungssteigernden Medikamenten – auch in Uelzen

Mehr als nur „Hirndoping“

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Immer mehr Arbeitnehmer greifen zu verschreibungspflichtigen Substanzen, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein.

Uelzen/Landkreis. Schlechte Stimmung, Stress und zu wenig Schlaf: Arbeitnehmer greifen immer häufiger zur Pille, um den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden. Das geht aus einer aktuellen Studie der DAK-Gesundheit hervor.

Laut Krankenkasse ist die Anzahl der Arbeitnehmer, die verschreibungspflichtige Substanzen schon zum Doping missbraucht haben, in den vergangenen sechs Jahren stark gestiegen – und zwar von 4,7 auf 6,7 Prozent.

Dr. Ulrike Buck, Chefärztin der Psychiatrische Klinik Uelzen, nennt in diesem Zusammenhang zwei Medikamentengruppen: Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Antidepressiva. Tatsächlich werde zu beidem vermehrt gegriffen.

„Ich glaube, viele wollen die Tablette, weil es natürlich einfacher ist, als etwas verändern zu müssen“, so Buck. Die Gefahr: Nicht die Gründe für die Überforderung, sondern lediglich die Symptome würden angepackt. Laut DAK zählen zu den häufigsten Auslösern für den Griff zur Pille hoher Leistungsdruck sowie Stress. Vier von zehn Dopern gaben an, bei konkreten Anlässen wie anstehenden Präsentationen oder wichtigen Verhandlungen Medikamente einzunehmen. Doch Buck weist auf einen verbreiteten Irrglauben hin: Sie sagt, es gebe überhaupt kein verschreibungspflichtiges Mittel, mit dem man von jetzt auf gleich „frisch in den Tag“ komme.

Antidepressiva würden ihre Wirkung – zu der auch die Stimmungsverbesserung und Antriebssteigerung zählten – erst nach durchschnittlich zwei Wochen zeigen. „Da ist der Kaffee doch noch besser.“

Buck führt die steigende Zahl an Patienten, die über dauerhafte Überlastung klagen, auch auf die höheren Anforderungsprofile vieler Berufe zurück. „Ich glaube, der Anspruch an Arbeit ist gestiegen. Es gibt ja sehr wenige wirklich einfache Jobs.“ Sie rät, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen.

Statt der Medikamente könne in manchen Fällen eine Arbeitszeitverkürzung die Lösung sein. Und: „Man sollte gucken, dass man ein Mittel zur Entspannung findet“ – für den einen sei das der Sport, für den anderen ein ruhiger Abend vor dem Fernseher.

Die Ärztin geht davon aus, dass es in den Kreisen Uelzen und Lüchow-Dannenberg nur selten zu vorschnellen Verschreibungen leistungssteigernder Substanzen kommt. Der Grund dafür ist eigentlich ein Problem: Weil es nur wenige Therapieplätze gebe, würden viele Patienten mit psychischen Erkrankungen von ihren Hausärzten betreut. Die seien dementsprechend sensibilisiert. Buck: „Es ist zu einfach zu sagen, es ist Hirndoping. Es ist mehr.“

Von Anna Petersen

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