Notquartier am Uelzener Bahnhof wurde nun aufgelöst / Keine gestrandeten Männer, Frauen und Kinder mehr

Mehr als 1000 Flüchtlinge in den Nächten versorgt

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Im Winter strandeten täglich mit den letzten Zügen Flüchtlinge am Bahnhof. Dafür richteten die Helfer wie Hilal Sezgin (von links), Tanja Mueller und Ijos Bietzker ein Nachtquartier her.

Uelzen. Hilal Sezgin erinnert sich an Nächte im Winter, in denen sie Menschen mit abgelaufenen Schuhen und ohne Socken an den Füßen traf; auf der Flucht aus der Heimat strandeten Männer, Frauen und Kinder mit den letzten Zügen des Tages am Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen.

Das Bahnhofsgebäude war zu diesen Zeiten schon abgeschlossen. In der Kälte mussten sie aber nicht ausharren. Ehrenamtliche Helfer wie Hilal Sezgin boten ihnen ein Nachtquartier und eine Mahlzeit. In sieben Monaten wurden nachts so mehr als 1000 Flüchtlinge in Räumen, die zunächst die Bahnhofsmission und dann die Bahn zur Verfügung stellte, versorgt. Jetzt wurde das Nachtlager für gestrandete Flüchtlinge am Uelzener Bahnhof aufgelöst.

Zuletzt waren kaum noch Flüchtlinge in den Nachtstunden aus den Zügen gestiegen, sagt Sezgin. Das war anders im November, als über die sozialen Netzwerke die Nachricht die Runde machte, in der Unterführung des Bahnhofs würden Flüchtlinge kauern. Darunter Kleinkinder. Für den Arzt Ijos Bietzker ein unhaltbarer Zustand, er setzte sich ins Auto mit Decken und Isomatten im Kofferraum. Bei Wolfgang Scholz klingelte das Telefon, er schloss die Bahnhofsmission auf.

In den kommenden Wochen entstand ein regelrechtes Netzwerk an Helfern, die Nacht für Nacht Flüchtlinge in Empfang nahmen. Für jene, die sich engagierten, wurden die Nächte zu Tagen: „Wir hatten alle Altersgruppen unter den Helfern“, sagt Hilal Sezgin. Und: Unter den Ehrenamtlichen seien auch viele Flüchtlinge zu finden gewesen, die übersetzten.

Die Ehrenamtlichen versorgten nicht nur die Flüchtlinge, sie mahnten auch: Sie seien dort tätig, wo sich keiner wirklich zuständig fühle, sagt der Mediziner Bietzker Ende November der AZ. Es war der Ruf nach Unterstützung: Die Bahn stellte Räume im Obergeschoss des Bahnhofs zur Verfügung, die Bahnhofsmission kümmerte sich um sauberes Geschirr, die Privatbahn Metronom sponserte Decken, der Diakonieverband stellte drei Arbeitskräfte auf 450 Euro-Basis zur Verfügung, damit alle „Nachtschichten“ abgedeckt werden konnten.

Eine Waschmaschine lief pausenlos. Laken und Bettwäsche, die die Ehrenamtlichen zusammentrugen, wurden in ihr gewaschen. In der Spitze waren es über 40 Flüchtlinge, die in einer Nacht betreut wurden.

Mit dem Frühjahr, mit Grenzkontrollen und Zäunen erreichten immer weniger Flüchtlinge Deutschland, am Uelzener Bahnhof nahm die Zahl der Hilfesuchenden ab. Zuletzt strandeten in Nächten auch gar keine Flüchtlinge mehr. Zu Ende Juni lief der Vertrag der Bahn mit den Helfern aus, über den das Unternehmen Räume für das Nachtlager zur Verfügung gestellt hatte. Eine Verlängerungsmöglichkeit habe die Bahn nicht gesehen, aber dies sei auch in Ordnung gewesen, wenn sagt Hilal Sezgin. „Jetzt sind andere Aufgaben wichtig. Hilfe bei Integration, Sprachunterricht, ...

Was ist, wenn zum Winter hin wieder Flüchtlinge in Uelzen stranden? „Wir werden sicher wieder da sein“, sagt Hilal Sezgin. Ob auch ein Nachtlager wieder im Obergeschoss eingerichtet werden kann, ist allerdings fraglich. Nach Aussage von Bahnhofsmissionsleiter Wolfgang Scholz seien für die Räume Brandschutzauflagen zu erfüllen. Er hat aber zugesagt, im Fall der Fälle die Räumen der Bahnhofsmission im Erdgeschoss aufschließen zu wollen.

Von Norman Reuter

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