Mit Genuss zerpflückt Jochen Malmsheimer Worte und Begriffe – auch in Uelzen

Ein Mann und die Sprache: Jochen Malmsheimer

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Er glaubt an eine Zeit nach Facebook und will in keinem Fall Langeweile aufkommen lassen: Der Wortakrobat und Comedian Jochen Malmsheimer.

Uelzen. Er hat das Leben und die Sprache als Themen auf der Bühne. Er packt beides in Worte, die sein Publikum zum Lachen bringen. Jochen Malmsheimer ist Wortakrobat und Comedian. Derzeit ist der 54-Jährige in Norddeutschland auf Tour, am 18. September wird er auch in Uelzen zu erleben sein.

2014 war er bereits schon einmal in der Uhlenköperstadt. Als Solokünstler fährt er mit dem Auto von Ort zu Ort. Wie Bob Dylan, sagt Malmsheimer. AZ-Redakteur Norman Reuter hat mit dem Comedian beim Zwischenstopp in Bremen-Vegesack am Telefon über seine Arbeit und den geplanten Auftritt in Uelzen sprechen können.

Herr Malmsheimer, Sie sind auf Tour. Sie beschäftigen sich dabei mit den Irrsinnigkeiten des Lebens, auf denen Sie herumkauen, um sie dann auf der Bühne loszuwerden... 

Ich würde es so formulieren: Ich nehme aktiv am Leben teil. Es läuft durch mich durch und dabei fühle ich mich als eine Art Komposter. Man wirft oben Abfälle rein und unten kommt Blumenerde heraus.

Dabei geht es mit Wortwitz zu. Sie sind gelernter Buchhändler und haben Germanistik studiert: Sprache beschäftigt Sie. Da muss es für Sie doch eine Qual sein, Facebook-Posts zu lesen, oder?

Nein, überhaupt nicht. Sprache ist ein lebendes Wesen, ein Organismus, der zur Selbstreinigung fähig ist. Was gut ist, bleibt. Was nicht, fliegt raus. Da muss man sich keine Sorgen machen. Sprache ist kräftig und überwindet solche Sachen.

Das heißt: Es wird auch eine Zeit nach Facebook geben?

Davon bin ich fest überzeugt. Ich sehe soziale Netzwerke wie Miniröcke vor dreißig Jahren. Die gab es eine Weile. Und dann hat man gemerkt, dass sie obsolet waren und sie hatten sich erledigt. Zu größten Teilen Zeitverschwendung.

Sie sind geboren im Ruhrpott. Dort hat man, ich will es so formulieren, auch ein spezielles Verhältnis zur Sprache... 

Wir aus dem Ruhrpott benutzen Sprache täglich, wie die meisten in der Republik (lacht). Sie hat natürlich eine gewisse Färbung; sie ist in ihrer Weise auch relativ zupackend, aber ansonsten unterscheidet sie sich nicht von anderen Soziolekten. Aber sie ist nicht in jedem Ohr Musik, das ist richtig.

Sie nehmen viele Worte im wahrsten Sinne wörtlich, beschäftigen sich mit der Frage, wie sie zustande gekommen sind. Bei ihrem letzten Besuch in Uelzen haben sie den „Hundehalter“ als sehr statischen Menschen charakterisiert – wegen des Haltens. Wann machen Sie sich solche Gedanken? 

Das kann ich gar nicht sagen. Ich bin ein geübter Sprecher, ich spreche seit frühester Jugend. Teils auch auf nüchternen Magen vor dem Frühstück. Ich bin es gewöhnt und halte es für richtig, dass das, was gesagt wird, auch für bare Münze genommen wird. Ich kann mich mit dem verklausulierten Diplomatendeutsch nicht anfreunden. Und das birgt jede Menge Komik, wenn man dazu einen Draht hat. Ich habe das.

Haben Sie mal ein Beispiel für ein Diplomatendeutsch-Wort, bei dem sie sich ihre Haare raufen?

Die leben ja von Euphemismen. Da sagt man nicht mehr Tod, sondern latent vitalschwach. Dieses mundringende Bemühen, aus Scheiße Gold zu machen, das macht mir großen Spaß zu durchkreuzen.

Einem großen Publikum bekannt wurden Sie mit Auftritten in der Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“. Mittlerweile gibt es mit „Die Anstalt“ eine Nachfolgesendung. Dort treten Sie aber nicht auf. Ist das noch einmal eine Option?

Nein, glaube ich nicht. Das sind jetzt junge Leute. Ich habe zum ersten Team gehört. Jetzt müssen andere ran. Das ist doch auch das Schöne, dass es diesen Wechsel gibt und das man nicht irgendwelche Altlasten durch die Gegend schleppt. Und außerdem: Mich im Fernsehen – nur im homöopathischen Dosen. Das hat Überzeugung.

Stichwort „Ommma“. Bei ihrem ersten Besuch in Uelzen haben Sie immer wieder von selbiger berichtet. Das scheint eine Frau in ihrem Leben gewesen zu sein, die auf sie gewirkt hat.

Das ist bei fast allen Großmüttern so. Aber natürlich. Eine Großmutter-Enkel-Beziehung ist ja eine großartige Sache. Man hat als Großmutter Einfluss, aber keine Verantwortung. Das nährt dann das Verwöhnen des Kindes. Das war bei mir genauso. Ich hatte eine wunderbare Großmutter, die viel Zeit mit mir verbracht hat. Und das hat natürlich abgefärbt.

Haben Sie von ihr auch den Drang geerbt, das Leben so sprachlich aufzubereiten und sich alleine auf eine Bühne zu stellen?

Keine blasse Ahnung, von wem ich das habe. Ich bin froh, dass es so ist und ich meine persönlichen Vorlieben auszuleben kann. Das ist eine Gnade und insofern bin ich ein privilegierter Mensch.

Wenn wir bei Vorbildern sind. Bei ihnen und ihrem Wortwitz fällt mir Heinz Erhardt ein. Gibt es denn Vorbilder?

Es gibt Vorbilder. Oder was heißt Vorbilder. Hanns-Dieter Hüsch zum Beispiel. Von dessen Schaffen bin ich sehr beeindruckt und dessen Verhältnis zur Sprache hat sicherlich abgefärbt. Und es gibt ganz viele, die ich großartig finde und deren Leben und Werk ich schätze. Auch das von Heinz Erhardt. Aber ich verversuche bei mir selbst zu bleiben, oder besser: Ich versuche herauszufinden, wer ich bin und dann da zu bleiben.

Wenn Sie eine Glaskugel hätten und Sie könnten schauen, wo sie in zehn Jahren sind. Wo wäre das? Auch wieder auf der Bühne in Uelzen oder am Schreibtisch Bücher schreibend?

Das kann ich gar nicht sagen. Mir ist beides lieb und recht. Die Glaskugel-Guckerei interessiert mich ohnehin weniger als zum Beispiel zu wissen, was ich die nächste Woche zu tun habe. Ich werde sicher, wenn Uelzen das will, auch wieder nach Uelzen kommen. Was ich dann da mache – Ballett, Lesung oder was mit Tieren –, wird sich zeigen. Aber ich werde mit Sicherheit so weiter arbeiten, dass keine Langeweile entsteht. Weder bei mir oder beim Publikum. Langeweile ist unerträglich.

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