Schönes im Schloss Holdenstedt: Wenn das Hier und Jetzt in die Ferne rückt

Märchen bleiben zeitlos

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Märchen gehen immer: Und wenn der Teddy dann noch auf dem Arm ist, kann eigentlich gar nichts mehr passieren. Im Schloss Holdenstedt stieg am Wochenende die Nacht der Märchen.

Uelzen-Holdenstedt. Es waren einmal 40 wissbegierige Bürger in einem Märchenschloss verzaubert von fünf wortgewandten Frauen. „Flucht in die Fiktion“ könnte diese reale Geschichte heißen, die sich am Sonnabend im Schloss Holdenstedt zutrug.

Bei der fünften langen Nacht der Märchen rückte das Hier und Jetzt einen Abend lang in weite Ferne und machte der verwunschenen Prinzessin, dem Ungeheuer und – gemäß des diesjährigen Mottos Sehnsucht und Liebe Platz.

Liebe ist Arbeit, sagt Hape Kerkeling, und das Märchenerzählen ebenso. Angelika Brandt übt regelmäßig. Was dabei zählt, sei die Technik: „Ich versuche immer selbst in die Figuren hineinzuschlüpfen“, erklärt die Uelzenerin. So entstünden Bilder, an denen sie sich in ihren Beiträgen entlanghangele. Und diese leben fast immer vom Kontrast: Wenn die böse Stiefmutter die unschuldige Gemahlin ihres reichen Sohnes des Menschenfraßes bezichtigt, offenbart die Märchenwelt ihr düsteres Gesicht – auch Simone Nagel, die mit ihren Kindern einen Urlaubsausflug nach Holdenstedt unternommen hat. Sie schätze vor allem die Botschaften und Tugenden, die in den Erzählungen vermittelt würden „und dass das Gute dann doch meistens siegt“.

Ein gelungenes Märchen, das sieht die achtjährige Alina genauso, habe immer ein Happy End. Wen also, wie kurz zuvor gehört, die Frau zum Schluss als Kranich davonfliege und ihren Gatten allein zurücklasse, stehe für sie fest: „Da müsste man was dazudichten.“ Dass das gar nicht so einfach ist, weiß Profi Irma Weigel. Eine gute Märchenerzählerin brauche nicht nur eine starke Stimme, sondern auch eine sichere Ausstrahlung, den Mut zur Interaktion und das Talent mitzureißen. „Die Bilder im Märchen muss man mit dem Herzen verstehen. Mit dem Verstand kann man sie gar nicht fassen.“ Männer wagten sich „leider“ nur selten an diese Kunst – vielleicht, weil ihnen die Welt der Gefühle ferner liege als Frauen, überlegt die 78-Jährige. Und für manches Märchen brauche es auch ein gewisses Alter, bemerkt Kollegin Maria Kassuhn. So habe sie die eine oder andere Geschichte noch auf eine Warteliste gestellt, weil man ihnen erst mit einer Spur mehr Lebenserfahrung gerecht würde. Mit 47 Jahren ist sie eine der Jüngsten im Kreis der Märchenerzählerinnen.

Von Anna Petersen

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