Letzter Ausweg Telefon

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Nachts am Telefon: JVA-Pastor Rainer Henne.

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. Tagsüber im Knast müssen sie immer den Starken geben. Aber in der Nacht, wenn sich die Zellentüren schließen, kommen die Existenzängste wie ein Keulenschlag. „Manche haben Angst, dass sie ihre Frau verlieren, andere wollen sich etwas antun“, sagt der Uelzener Gefängnisseelsorger Rainer Henne. Der evangelische Pastor und seine katholische Kollegin Elisabeth Seelwische nehmen an einem bundesweit einmaligen Projekt teil, dessen Ziel es ist, Selbstmorde in Niedersachsens Justizvollzugsanstalten zu verhindern. Als besonders suizidgefährdet gelten Untersuchungshäftlinge. „Das erste Mal eingesperrt, das ist für die meisten ein tiefer Schock“, weiß Henne.

Deshalb hat das Justizministerium in Zusammenarbeit mit den Pastoren eine nächtliche Telefonseelsorge für Untersuchungshäftlinge eingerichtet. Seit März hängen in den Justizvollzugsanstalten Braunschweig, Oldenburg, Hannover und Rosdorf in 100 Hafträumen Telefone. Sie sind nachts von 21 bis 6 Uhr für nur eine Rufnummer freigeschaltet – am Ende meldet sich der in Bereitschaft befindliche Pastor.

In den Zellen verbringen Untersuchungshäftlinge die ersten 14 Tage ihrer U-Haft, greifen sie zum Telefon, laufen sie zum Beispiel bei Henne oder Seelwische auf. Bei dem Uelzener Pastor klingelte das Telefon auch am frühen Morgen des 24. Dezember. „Die Arbeit kommt jetzt auch zu mir nach Hause, Gefangene bringen ihre Geschichten in mein Heim – das geht schon an die Substanz“, sagt Henne. Dennoch begrüßt er die Pläne von Justizminister Bernd Busemann, die Telefonseelsorge auf ganz Niedersachsen auszuweiten. „Das muss dann aber auf mehr Schultern verteilt werden“, betont er.

Prospekte gleich in 14 Sprachen weisen in den Gefängnissen auf das neue Angebot hin. Andere Religionen oder Staatsangehörigkeiten seien kein Problem, so Henne: „Es geht den Betroffenen darum, mit einem Seelsorger zu sprechen – das betrifft konfessionslose Gefangene ebenso wie Moslems.“

In den vergangenen Jahren hatte es in Niedersachsens Gefängnissen zwischen drei und elf Selbstmorde jährlich gegeben.

Im Zuständigkeitsbereich der JVA Uelzen, der die Abteilung Lüneburg mit umfasst, hatten sich zuletzt im Jahr 2008 zwei Häftlinge das Leben genommen.

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