Lerndruck mit Folgen

Lernen rund um die Uhr: Die Schuljahre wurden gekürzt, die Zahl der Stunden nicht. Bis 17 Uhr sitzen manche Uelzener Abiturienten im Unterricht.

Uelzen - Von Diane Baatani. Die Anzahl an Unterrichtsstunden bleibt die gleiche, die Zahl an Schuljahren ist geschrumpft. Wie lässt sich dennoch der Stoff bis zum Zentralabitur durchziehen?

Für die jetzigen Zwölftklässler in Uelzen ist das nicht einfach, das belegt die hohe Zahl an Schülern, die im Sommer nicht versetzt wurden. Am Herzog-Ernst-Gymnasium (HEG) haben innerhalb oder zum Ende des elften Schuljahres 2009/2010 16 Schüler den Jahrgang verlassen, der jetzige 12. Jahrgang ist somit statt 103 nur noch 87 Abiturienten stark. Sie werden in den meisten Kursen zusammen mit den Abiturienten aus dem 13. Jahrgang unterrichtet, zu dem 98 Schüler gehören. Dieser Jahrgang hat im vergangenen Schuljahr sieben Mitschüler verloren.

Am Uelzener Lessing-Gymnasium (LeG) sieht die Quote nicht besser aus, dort haben zwei Dutzend Schüler im Sommer den Doppel-Abiturjahrgang verlassen. Zum zwölften Jahrgang gehören 95 Abiturienten, im 13. sind es 120 Abiturienten. Nicht alle mussten wiederholen, manche haben sich freiwillig zurückversetzen lassen, sind umgezogen oder haben sich entschieden, eine Ausbildung zu machen, betonen die Oberstufenkoordinatoren beider Gymnasien. „Einige sind zurückgegangen, die dem Druck ausweichen wollten“, erklärt LeG-Oberstufenkoordinator Sven Kablau. „Es gibt so etwas wie Panikmache.“

Der Druck für die Schüler ist hoch genug, das ist auch daran zu erkennen, dass in verschiedenen Jahrgängen die Meinung kursiert, dass knapp 50 HEG-Schüler den Doppel-Abiturjahrgang verlassen hätten. Deren Oberstufenkoordinator Burkhard Steneberg legt jedoch die anderen Zahlen vor.

Tutoren in einem der Prüfungskurse sollen ab der elften Klasse dabei helfen, die Schüler auf dem Weg zum Abitur zu unterstützen, und sie über ihren Leistungsstand auf dem Laufenden halten. Geklappt hat das im vorigen Schuljahr nicht immer: Eine ehemalige HEG-Schülerin zum Beispiel wurde das gesamte elfte Schuljahr über von ihrem Tutor darüber informiert, sie könne die Versetzung schaffen, berichtet sie. Zum Schuljahresende sei auf einer Konferenz das Gegenteil beschlossen worden. Zwei Tage vor den Sommerferien habe ihr Tutor ihr mitgeteilt, dass sie nach den Ferien nicht in die zwölfte Klasse gehen dürfe – höchste Zeit für sie, sich eine Alternative zu überlegen, aber zu spät für Anmeldefristen etwa an den Berufsbildenden Schulen.

„Dass so viele Schüler wiederholen müssen, zeigt ja, dass einige zurückbleiben“, erklärt eine weitere Schülerin aus dem Doppel-Abiturjahrgang am HEG. Problematisch dabei seien die Entwicklungsunterschiede zwischen den beiden Abitursjahrgängen, das heißt zwischen manchen Schülern liegen drei bis vier Jahre Altersdifferenz. „Vom Entwicklungsstand sieht man schon Unterschiede. Am Anfang war das stärker zu spüren, jetzt haben wir uns ganz gut zusammengeklüngelt“, sagt sie. „Die Schulleiterin verschönt einiges, denn die Organisation lässt zu wünschen übrig“, beklagt diese Abiturientin vor allem den vielen Stundenausfall.

„Die Mitschüler aus dem 13. Jahrgang haben methodisch viel mehr gemacht“, weiß ein weiterer Abiturient aus dem 12. Jahrgang. „Inzwischen hat sich das einigermaßen ausgeglichen.“ Bemerkbar sei der Unterschied zwischen Stufe 12 und 13 vor allem in den Naturwissenschaften.

„Es sind durchaus noch Unterschiede vereinzelt feststellbar“, gesteht HEG-Schulleiterin Ursula Schreiter-Antonius. Die Älteren würden jedoch die Jüngeren mitziehen. „Ob diese nun den hervorragenden Schnitt auch erreichen, ist eine andere Frage.“ Die Abiturienten aus beiden Jahrgängen zusammen zu unterrichten, ist fürs HEG der geeignete Weg. „Das war aus unserer Sicht auch richtig“, erklärt Oberstufenkoordinator Steneberg. Es sei absolut Ruhe eingekehrt, ist er überzeugt. „Ich denke mal, wir müssen sehen, wie das im nächsten Jahrgang sein wird, da müssen wir Erfahrungen sammeln.“ Er ist gespannt auf die landesweite Statistik zu den Leistungen des Doppel-Abiturjahrgangs vom Sommer 2010, die erst im Laufe des Novembers veröffentlicht wird, wie die Landesschulbehörde ankündigt. „Ich glaube, wir liegen nicht am oberen Ende“, erklärt Steneberg.

„Es klappt besser, als wir dachten“, ist Kablaus Eindruck am LeG, „das liegt wahrscheinlich daran, dass alle sensibilisiert sind und die Schüler ihre Rolle begriffen haben.“ Doch die Herausforderung ist für die Zwölftklässler noch größer als für den 13. Jahrgang. „Sie sind eben unterschiedlich, aber sie müssen das gleiche Abitur machen. Wir müssen sie unterschiedlich behandeln. Sie sind verantwortungsvoll, es scheint schon so, dass es Früchte trägt“, sagt Kablau.

„Wir versuchen rechtzeitig zu beraten und die Tutoren sind gefordert“, erklärt er. „Ein großer Teil der Arbeitszeit ist Beratungstätigkeit, das ist bestimmt nicht weniger geworden.“ Man wolle die Kommunikationswege mit Schülern eng halten, er selbst verlange deshalb eine SMS von seinen Tutanten, wenn sie an einem Kursus nicht teilnehmen können.

Erschwerend zu dem gewachsenen Unterrichtsstoff kommt hinzu, dass die Abiturprüfungen ausgerechnet im kommenden Jahr schon vor den Osterferien liegen. Wenn dann noch ein Fall auftritt wie am LeG, dass in einem Kursus wegen Krankheit drei Lehrer einander abwechseln, dann trägt das zusätzlich zur Verunsicherung bei.

„Ich frage mich, was passiert, wenn wir alle entlassen werden und auf die Hochschulen zustürmen“, sagt eine HEG-Schülerin. „Es ist gut, dass wir früher das Abitur machen, ich bin dann mit 18 Jahren fertig und habe noch viel Zeit“, sagt Maximilian Fricke aus dem 12. LeG-Jahrgang, „aber wenn ich die Stoff-Fülle sehe und die Zeit nachmittags, dann frage ich mich doch: Muss das so sein?“.

Er habe bereits in der 7. Klasse den Leistungsdruck gehabt, weil die Schulen schon früh beginnen, den Stoff vom nun fehlenden 13. Schuljahr auf die verschiedenen Jahrgänge zu verteilen. „Da sind wir den Leistungsdruck in der Oberstufe gewöhnt“, meint Fricke. „Aber ich frage mich, ob das viel bringt, nach dem 12. Jahrgang Abitur zu machen“, sagt Käthe Wenzlau aus der Stufe 13, da die Schüler schon in jungen Jahren anfangen müssen zu pauken. „Man muss bedenken, dass es Kinder sind und man denen zugesteht, dass sie Freizeit haben.“

Der Doppel-Abiturjahrgang:

Nach und nach wird in den Bundesländern das Abitur nach dem 12. Jahrgang eingeführt. Im kommenden Jahr ist es für die Niedersachsen das erste Mal, dass die Zwölftklässler ihre Abiturprüfungen ablegen. Zugleich lassen sich zum letzten Mal die Abiturienten aus dem 13. Jahrgang prüfen. Durch diesen Doppel-Abiturjahrgang werden doppelt so viele Schulabgänger Studien- und Ausbildungsplätze suchen wie in anderen Jahren.

Am Uelzener HEG gibt es deshalb seit einem Jahr hauptsächlich Prüfungskurse, in denen die Abiturienten aus zwei Jahrgängen zusammensitzen. Am LeG werden sie bis auf Ausnahmen wie Mathematik getrennt voneinander unterrichtet.

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