Der letzte Bäcker hat den Königsberg verlassen: Stadtteil mit 3000 Menschen ohne Grundversorgung

„Lauf’ meilenweit für’n Liter Milch“

+
Angelika Heller ist mit ihrem Hund Nicki vom Königsberg aus regelmäßig eine Stunde unterwegs, um an die Grundnahrungsmittel zu kommen.

Uelzen. „Oh Gott, ich habe ja Marmelade vergessen. “ Für Angelika Heller bedeutet dieses Missgeschick einen stundenlangen Fußmarsch oder zwei Fahrkarten für den Stadtbus.

Die 64-Jährige wohnt seit knapp einem Jahr am Königsberg und fühlt sich dort von der Politik allein gelassen, seit im vergangenen Jahr auch ein Bäckerlädchen in dem 3000 Einwohner starken Stadtteil die Türen geschlossen und den Königsberg sich selbst überlassen hat. Einen Supermarkt gibt es dort nicht mehr, seit Aldi weggezogen ist.

Die Stadt Uelzen habe sich seitdem vergeblich bemüht, einen neuen Discounter dort anzusiedeln, erklärt Stadtsprecherin Ute Krüger. Schließlich ist das leerstehende Gebäude an die Gesellschaft für Wohnungsbau des Kreises Uelzen (gwk) verkauft worden (AZ berichtete). In Zusammenarbeit mit den Johannitern baut die gwk dort ein Tagespflegezentrum samt Treffpunkt für die Königsberg-Anwohner auf. „Wir sind dabei, den Bauantrag prüfen zu lassen“, berichtet gwk-Geschäftsführer Ronald Schack. Eine kleine Fläche sei noch frei, für die werde noch untersucht, ob dort ein Lebensmittel-Geschäft einziehen kann.

Für Angelika Heller ist das geplante Marktcenter an der Veerßer Straße, das Ende 2013 eröffnet werden soll, keine Alternative – „was machen wir denn bis dahin?“ – und auch der einwöchige Mittagstisch im Katharina-von-Bora-Haus ist für sie keine Lösung: „Ich möchte meine Selbstständigkeit behalten.“ Sie möchte die Grundnahrungsmittel in ihrer Nähe besorgen können, und spreche auch für ihre Nachbarn. „Ich komme mir vor wie auf einer Hallig-Insel. Jetzt im Ernst, es muss etwas passieren.“ Die Wahl-Uelzenerin fordert, dass ein „Krämer“ sich am Königsberg niederlässt: „Kennen Sie den alten Werbespruch, ich lauf’ meilenweit für eine Camel“, sagt sie, „das gibt’s nicht mehr, ich lauf’ meilenweit für einen Liter Milch.“

Als die Busfahrerin im Ruhestand sich für ihre Eigentumswohnung entschieden hat, gab es in dem Viertel noch einen Bäcker, schildert sie. Als sie dann im vergangenen Jahr in ihren neuen vier Wänden wohnte und zum ersten Mal Brötchen holen wollte, habe sie vor verschlossenen Türen gestanden, der Händler habe das Geschäft aufgegeben. Im August begann ein Bäcker, stattdessen in einem Wagen an der Straße Backwaren zu verkaufen – auch damit war Heiligabend 2011 Schluss.

Die 64-Jährige läuft nun regelmäßig zu Fuß mit ihrem Hund Nicki zum fernen Supermarkt an der Ecke Veerßer Straße/Soltauer Straße. Bis zum nächsten Bäcker an der Hochgraefestraße wäre die Strecke von ihrer Wohnung aus noch ein Stück weiter. „Nicki hat Arthrose und ich werde ja auch nicht jünger“, sagt sie.

Manchmal fährt sie auch mit dem Bus zur Esterholzer Straße und zahlt für die Hin- und Rückfahrkarten 3,10 Euro: „Das wird aber eine teure Marmelade.“

Im Bus würden sich die Gespräche immer wieder um das mangelnde Angebot am Königsberg drehen: „Warum läuft das hier oben nicht?“, wollen wohl auch ihre Nachbarn – zum größten Teil Senioren – wissen. „Wir wollen hier etwas haben, wo die Menschen leben“, sagt Heller, die aus Sympathie für den Landkreis Uelzen von Hamburg weggezogen ist, zunächst nach Bad Bevensen und schließlich an den Königsberg. „Es ist hier ein kultiviertes Umfeld, ich find das toll.“ Aber kein einziger „Krämer“ für 3000 Menschen – „so etwas habe ich noch nie erlebt, auch in Hamburg nicht. Das muss sich ändern“, fordert sie, „zumindest wollte ich hier nicht wieder ausziehen.“

Von Diane Baatani

Kommentare