Eine nicht ganz unernsthafte Analyse der Wahlplakate der Landratskandidaten

Lächeln will gelernt sein

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Lächeln ist gesund: es entspannt, setzt Glückshormone frei und außerdem sieht man dabei auch einfach besser aus. Sehen wir ein lächelndes Gesicht, können wir uns seiner Wirkung nicht entziehen, keine Chance.

Vier solcher Gesichter werben in diesen Wochen um unser Vertrauen; mit schmissigen Slogans garniert, lächeln sie von jeder Litfasssäule, jedem Verkehrsschild und jedem Laternenmast um die Wette, dass man seinen Wahlzettel am liebsten sofort ausfüllen möchte.

Wahlplakate machen ist kein Kinderspiel, da sind Profis am Werk, das können Sie glauben.

Bei Raimund Nowak zum Beispiel. Der wurde abgelichtet, als er den Fotografen gerade gefragt hat, wann es denn endlich losgeht, schließlich muss er doch gleich noch weiter zum Pressetermin bei der Biogasanlage, ob er sich wenigstens schon mal die Gummistiefel anziehen kann. „Dynamisch-auffordernd die Hände in die Hüfte gestützt, ja, das nehmen wir, das wirkt sympathisch und symbolisiert Tatendrang! Gut, damit die Arme dann auch noch mit aufs Bild passen, muss der Bildausschnitt so groß gewählt werden, dass der arme Raimund da dann jetzt ein wenig verloren wirkt, wie in seinem komplett leergeräumten Büro, weil er schon für den Umzug ins Landratsamt gepackt hat. Aber dafür sieht man dann auch mehr von der schönen feingestreiften Goldtapete, da ist noch... ach, was weiß denn ich, Platz für Ideen oder so.“

Ganz anders Rainer Fabel von der FDP. Der wurde fotografiert, als er gerade fragen wollte, ob es noch 100 Gramm mehr sein dürften. „Aber der Scheitel sitzt perfekt, das schüchterne Lächeln wirkt milde und bescheiden und volksnah, da fühlt sich der Wähler angesprochen, der ist einer von uns, der ist ’ne ehrliche Haut, der würde nie bei seiner Doktorarbeit schummeln, der hat noch nicht mal ’nen Doktor. Ja, mach Dir keine Sorgen, Rainer, wir kriegen den Wahlkampf schon gut über die Bühne, und dann ist auch wieder Ruhe.“

„Ganz locker, Herr Krumböhmer, ganz souverän, Sie schaffen das. Stellen Sie sich einfach vor, Ihre Augen könnten die Kamera in Brand stecken, so ist es gut, die Leute mögen das. Die wollen einen Landrat mit Feuer im Blick. Und dazu sagen Sie „Kekse“, ohne die Zähne auseinander zu kriegen. Klingt komisch, ist aber ein alter Fotografentrick, so bekommt man einen ganz besonders natürlichen Ausdruck hin. Vertrauen Sie mir, ich habe damals auch die Fotos für den Scharping gemacht. Ja, genau so! Sie machen das toll. Wie ein echter Landrat!“

Manchmal ist es aber auch wichtig, das große Ganze zu sehen. Ein Konzept zu haben, eine Vision. Nicht einfach drauflos zu fotografieren. „Was wollen wir denn eigentlich sagen? Wir müssen die Botschaft ganz deutlich rüberbringen. „Die Menschen im Blick“, was halten Sie davon, Herr Blume? Dafür ist es aber ganz wichtig, dass Sie das auch meinen. Gucken Sie ein bisschen von oben. Die Plakate werden in zweifünfzig Höhe angebracht, sie wollen ja nicht über die Bürger hinwegsehen. Nein, Sie wollen auf sie herabblicken. Sie wollen Ihnen sagen „Ich weiß, wo du wohnst. Pass auf, was du tust, dein Landrat hat Dich im Auge, Freundchen.“ Nein, das ist zu grimmig, wir wollen doch niemanden verschrecken, nicht wahr. Harmloser. Wie der Typ aus „Ein Fisch namens Wanda“, der mit seinem Aquarium, sie wissen schon. Ja, das ist es!“

Ein sympathisches Foto ist die halbe Miete, eine griffige Botschaft ist aber mindestens genau so wichtig – denn die ist es ja schließlich, die dann in der Wahlkabine den Ausschlag gibt. Was haben uns hier zum Beispiel die Genossen anzubieten? „Die Kraft, die bewegt.“ Das klingt nach Physikunterricht, das kommt an bei den Menschen; das ist so spannend, dabei muss man sofort an den Kandidaten denken. Und Sie, Herr Fabel? Ein originelles Wortspiel mit Ihrem Nachnamen? Ist immer ein bisschen knifflig, das muss dann aber richtig gut sein, sonst wirkt es leicht dämlich. „FABELhaft“? Ui, darauf wären wir nicht gekommen. Das ist wirklich etwas Neues, Überraschendes, das ist um die Ecke gedacht, das soll Ihnen erst einmal einer nachmachen! Daumen hoch! Und Sie, Herr Nowak? „Goldrichtig“? Aha, weil Sie sich eine eigene Wahlkampffarbe ausgesucht haben? Unglaublich, das ist ja sogar noch besser als der FDP-Slogan! Und weiter? „Weil sich etwas ändern muss“? Sehr gut, bloß nicht zu spezifisch werden, das verunsichert den Wähler nur.

Ach, das Plakat macht Ihr Webdesigner gleich mit, der kann halbtransparente Flächen und kennt sich auch mit Proportionen aus? Nun, Sie müssen das ja wissen. Das vom Fabel hat seine Nichte in Powerpoint gemacht, dafür ist es aber gar nicht mal so schlecht, oder? „FDP Kommunal“, steht da drauf, das bedeutet „Wir sind nur eine kleine FDP, aber wir geben uns Mühe.“ Das muss man einfach lieb haben. Was haben wir hier? Schlicht polizeiblau und unten „Blume als Landrat“ drauf, das rundet das Konzept ab, das wirkt ungefährlich – man meint, Sie tun nur so als ob. Schön. Weiter so. Aha: die SPD hat ihre Standardschablone für alle Kandidaten bundesweit, keine Farbe, nur ein zufällig ausgewählter Wahlslogan und die pure Ausstrahlung des Kandidaten. Was soll da schon schiefgehen.

Nach dem 11. September werden die Wahlplakate wieder abgenommen. Die Wahlkampfprofis sind schon längst weitergezogen, nach Berlin und Schleswig-Holstein, und helfen den Kandidaten dort, das Beste aus sich zu machen. Aber seien Sie nicht traurig: in anderthalb Jahren sind bei uns Landtagswahlen. Da haben wir dann wieder was zu lächeln.

Für die AZ hat der Hamburger Grafikdesigner Per Dittmann einen ebenso satirischen wie überparteilichen Blick auf die Wahlkampfplakate der vier Landratskandidaten im Kreis Uelzen geworfen.

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