Lächeln in der Todeszone

Ukraine/Prypjat - Von Janina Fuge. Es regnet Bindfäden, als der kleine Bus sich knatternd vom „Maidan“, Kiews protzigem Haupt-Platz, in Bewegung setzt. 14 Leute, zumeist junge Männer, sind im Bus verstaut, fast jeder Platz in dem alten Mercedes-Vehikel ist besetzt.

„The trip is absolutely safe“, ruft Sergej, einer der Guides, zur Begrüßung in die Reihen, als könne er Gedanken lesen, „Dieser Ausflug ist absolut sicher“. Und als würde das nicht reichen, schiebt er gleich noch hinterher: „Bei Regen ist alles noch sicherer“, dann nämlich ist nicht so viel Staub in der Luft. Sicher – sicherer: Gibt’s die Steigerung? Entweder sicher – oder nicht. Braucht’s da Regen? Nun, keine Zeit für grammatikalische Spitzfindigkeiten: Es geht nach Tschernobyl. 24 Jahre ist es am 26. April her, seitdem sich jene fatale Kettenreaktion in Gang setzte, die der Angst vor der zivil genutzten Atomkraft ein Gesicht gab: Eine in Block vier der Reaktoranlage von Tschernobyl gestartete Stromausfall-Simulation scheiterte, es kam zur Kernschmelze und Explosion, in deren Folge große Mengen radioaktiver Materie freigesetzt und quer über Europa verteilt wurden. „Tschernobyl“ ist bekannter als die Ukraine selbst. Überall auf der Welt kennt man den Ort, hier ist passiert, wovor die ganze Welt Angst hatte. Und hat.

Seit 1999 veranstaltet Solo East Travel Ein- und Mehrtagesausflüge in die „Todeszone“, auch andere Agenturen wie „Hamalia“, die mit „ökologischen Touren“ wirbt, hat dieses touristische Feld für sich entdeckt. 14 Leute sind dieses Mal an Bord des kleinen Busses, eine bunte Mischung: Deutsche, Schweden, US-Amerikaner; vermutlich würde kein Ukrainer auf den Gedanken kommen, mitzufahren. Für sie ist Tschernobyl nah genug.

Gut zwei Stunden rauschen wir über Landstraßen, Ikonenbildchen an der Windschutzscheibe, dazu ein am Rückspiegel baumelnder Rosenkranz wachen über unseren Weg. Dünn besiedelt ist die Region, wir passieren Wälder, Wiesen, ein paar triste Dörfer. Mehr noch als der Blick nach draußen bindet eine knapp zweistündige Dokumentation unsere Aufmerksamkeit. Gorbatschow kommt darin vor, Militärs und Liquidatoren erzählen ihre Geschichte und Leo Kostin, der berühmte Fotograf und Chronist des Unglücks, berichtet seine Erlebnisse der ersten Stunde: Dass die Radioaktivität Bilder schwarz werden ließ und später als gleißende Lichtschimmer aus dem Graphitstaub am Boden emporstiegen, dass die hohe Radioaktivität selbst die Elektronik von Robotern zerstörte, die die Trümmer des Reaktordaches beseitigen sollten, weshalb schließlich doch „bio robots“ – sprich: Menschen – eingesetzt wurden. Beklemmend ruhig ist es im Bus, während der Film läuft. Immer wieder geht es um die sowjetischen Beschwichtigungen der ersten Stunden und Tage, „absolut kein Risiko“ würde für die Menschen bestehen. Ein bisschen erinnert diese trügerische Ruhe an Sergejs Worte eine Stunde zuvor.

Bis heute ist es schwierig, genaue Opferzahlen zu nennen: Sie pendeln zwischen einigen Hundert bis zu knapp 100 000 – keiner weiß es genau, verlässliche Studien gibt es nicht. Stattdessen ist es immer wieder dasselbe Bild, das beschworen wird: Ein „unsichtbarer Feind“ habe die Menschen dahingerafft, Feuerwehrleute und Militärs sprechen von einem „Krieg“, der heldenhaft geführt wurde. Trägt Jurij, der uns heute durch die Todeszone vorbei an gleich zwei Denkmälern (post-) sowjetischen Heldenkults führen wird, deshalb eigentlich auch paramilitärische Kluft? Kaum ist die Dokumentation vorbei, taucht eine Straßensperrung auf. Wir sind da. Aber hier geht es hinein, in die „Todeszone“. Papiere und Pässe werden kontrolliert – und wir passieren die Grenze ins Niemandsland. Unsere erste Station, etwa zehn Minuten später: Der Ort Tschernobyl, wo mittlerweile ein Dokumentationszentrum steht. Jurij, unser eigentlicher Führer heute, wartet hier auf seine Gruppe – durch die Hölle braucht’s traditionell einen Führer. Es gibt einen kleinen Vortrag zur Einstimmung, Jurij erklärt mit Zeigestock und Tafelbildern den Zug radioaktiver Wolken über die Ukraine, Russland, Europa. Nicht lange dauert das, wir würden ja lieber selbst sehen wollen, sagt er. Was folgt, ist zunächst eine kleine Tour durch das menschenleere Tschernobyl, einsame Häuser und einsame Straßen sind hier, trostlos wirkt die Gegend – dabei: so einsam ist es an sich nicht. Einige Tausend Menschen arbeiten in dieser Gegend: Leute, die sich darum kümmern, dass keine Waldbrände ausbrechen oder die verbliebenen technischen Anlagen versorgen – immerhin: Der Sarkophag ist mürbe geworden, eigentlich sollte er spätestens 30 Jahre nach dem Umglück ausgetauscht sein.

Wir stoppen an einem kleinen Maschinenpark mit Panzern, die beim Räumen geholfen haben, und kriegen Dosimeter in die Hand gedrückt, die die Strahlung messen: Alles im grünen Bereich, die Werte pendeln irgendwo bei 0,2 Mikrosievert, wenig mehr als die natürliche Strahlung. Das wird sich jedoch bald ändern. Wir fahren weiter, immer näher heran an das Ungetüm, Reaktor vier – eigentlich sträubt sich alles in mir, irgendwie ist die Richtung falsch. Mein Gefühl sagt mir: Weg hier. Mein Verstand möchte dort hin, wo geschehen ist, was die Welt veränderte. Unwirklich, unwirklich wird die Gegend der Reaktoranlagen: Überall stehen Hochspannungsleitungen, die noch lange nach dem Unglück Strom aus den intakten und bis zum Jahr 2000 weiter am Netz bleibenden Reaktoren ins Land leiteten. Immer wieder kreuzen wir rot-gelb leuchtende Atom-Warnschilder – sie stehen auf Hügeln, unter denen Abfälle, Werkzeuge, Baumaterialien verscharrt wurden. Die Dosimeter fiepen stärker, ein unangenehmes Geräusch, und dann taucht er auf: Block 4. Man sieht ihn schon aus einiger Entfernung, wir fahren näher, steigen aus. Die meisten schießen Erinnerungsfotos, mit sich selbst, dem Kraftwerk und Dosimeter, das nunmehr die ungefähr 50-fache Dosis der Normalstrahlung anzeigt. Fast so wie vor dem Eifelturm oder der chinesischen Mauer. Fast. Befremdlich ist das Gefühl, hier zu sein. Nichts deutet auf Gefahr hin, Vögel zwitschern, die Sonne scheint inzwischen ein wenig. Wenn da nicht das Wissen wäre.

Warum Jurij sich für diese Art von Job entschieden hat, will ich von ihm wissen. „Jeder Job kann gefährlich sein“, sagt er. In Kiew möchte er wegen der Luftverschmutzung nicht arbeiten, selbst vor dem PC kann man seine Gesundheit gefährden. Seit elf Jahren ist er dabei, „es ist mein Job, also mache ich ihn“, meint der 37-jährige. Schnell geht’s weiter, je länger der Aufenthalt vor dem Reaktor, desto größer das Gesundheitsrisiko.

Die nächste Station: Prypjat – eine Geisterstadt, nur etwa vier Kilometer vom Reaktor entfernt. Und hier, in dieser einst knapp 50 000-Einwohner-Stadt, einer sowjetischen Mustersiedlung, zeigt sich erst der ganze Alptraum des Unglücks: Drei Tage nach dem Unglück wurde die Stadt innerhalb von drei Stunden evakuiert. Ursprünglich glaubten die Menschen, sie könnten innerhalb kurzer Zeit zurückkehren – stattdessen mussten sie in Kiewer Satellitenstädten ein neues Leben beginnen. Wir streifen durch ein altes Theater, über den großen Stadtplatz, sehen den Vergnügungspark mit verlassenen Autoscootern und vor sich hin rostendem Riesenrad – niemals ist ein Kind hier mitgefahren, eingeweiht werden sollte der Park am 1. Mai 1986, fünf Tage nach dem Unglück. Sozialistischer Bau ist hier auf bizarre Weise konserviert – in leeren, breiten Straßen, den verfallenden Appartements der Hochhäuser, einem Schwimmbad mit Sprungturm oder der Schule, wo noch unzählige Bücher herumliegen, die für niemanden mehr einen Wert haben.

An diesem Ort ist alles Symbol: „Keine Zukunft“ ist hier die stille Überschrift von allem, was blieb. Überhaupt: Dieses Land hatte viel zu verkraften: Die Deutschen töteten weite Teile der jüdischen Minderheit, der Zweite Weltkrieg brachte noch mehr Tote, der Sozialismus zerstörte viel von dem, was insbesondere durch die orthodoxe Religion geprägte Kultur war – und dann macht Tschernobyl kaputt, was an unberührter Natur geblieben ist, zerstört Zigtausende von Leben und sät immerwährende Angst.

Immer wieder frage ich mich, warum ich eigentlich tatsächlich hingefahren bin an diesen Ort. Was will ich hier, was wollen die anderen hier? Ist „Chernobyl“ der letzte Nervenkitzel für jene, denen Rafting-Touren und Bungee-Jumping zu wenig geworden sind und die Katastrophentourismus als Nervenkitzel brauchen? Für manche vielleicht. Für andere nicht. Denn genauso gut ist ein Besuch der „Todeszone“ ein Lehrstück über Wert und Gefährdung von Leben. Eindringlicher habe ich vorher noch nie erfahren, welches Glück es bedeutet, Gemüse, Obst, Fisch und Beeren nahezu bedenkenlos zu essen, Luft frei zu atmen, Kinder im Sand spielen lassen zu können. Und wie schnell zerstörbar solche Unbeschwertheit ist.

Kommentare