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Kurti: Nachruf auf ein Wildtier

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Der Problemwolf Kurti ist tot.

Kurti ist tot. Der Wolf, den Behördenvertreter nüchtern MT 6 nannten, ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Im Alter von nur zwei Jahren, auf der Höhe seiner Kraft, wurde das Wildtier von einem Schuss aus einer Polizeiwaffe hingestreckt.

Gerhard Sternitzke

Sein einziges Vergehen: Eine ausgeprägte Neugier, mit der Kurti sich Menschen näherte und zuletzt einen Hund verletzte. Mehr als ein Nachruf über Kurti erzählen könnte, verrät der Fall über den Menschen. Im Mittelpunkt ein Umweltminister, der, seit sich die Meldungen über unheimliche Nahbegegnungen mit Wölfen vom Truppenübungsplatz Munster häuften, zwischen der besorgten Landbevölkerung sowie einer tierschutz-orientierten Klientel lavierte. Auf der einen Seite stehen die Dorfbewohner, die sich teils murrend mit der Nähe des Wolfs arrangiert haben, teils – unbemerkt von den fernen Regierenden – ihre Lebensweise verändern, ob die Angst nun berechtigt ist oder nicht.

Welten trennen sie von den Wolfs-Freunden im Internet und bei Facebook, die wenig Verständnis für den Abschuss zeigen. Hier paart sich der Topos vom edlen Wildtier mit dem (Selbst-)Hass auf den Menschen, der die Umwelt zerstört und selbstherrlich entscheidet, ob der Wolf leben darf oder nicht.

Ein Leserbrief zu dieser Kolumne:
"Mit Wölfen leben lernen"

Interessant in diesem Zusammenhang die im Februar gestartete Online-Petition gegen die Tötung des Problemwolfs, der mit dem Namen „Kurti“ vermenschlicht wird. Von fast 7000 Unterschriften stammen ganze 356, fünf Prozent, aus den betroffenen Landkreisen Heidekreis, Celle, Lüneburg und Uelzen. Gerade dort, wo die Menschen weit entfernt sind von der Natur, in Hannover, München oder Köln, ist die Liebe zum Wolf, einem Sinnbild für die freie Wildnis, besonders innig.

Diese Klientel hatte Stefan Wenzel im Blick, wenn er zögerte, wegen der Munsteraner Problemwölfe zu handeln. Erst nach öffentlichem Druck Ende Mai 2015 kündigte das Ministerium an, distanzlose Wölfe mit Gummigeschossen zu vergrämen. Dennoch hielt man es für notwendig, erst das Verhalten der Tiere näher zu untersuchen. Zwei Wölfe wurden mit Sender-Halsbändern ausgestattet, einer davon war Kurti. Im März heftete sich ein schwedischer Vergrämungs-Experte auf Kurtis Spuren – der jedoch verduftete.

Erst nach dem jüngsten Vorfall fiel die Entscheidung zur „letalen Entnahme“, der Tötung. Auch da noch der Versuch, der Klientel entgegenzukommen. Der Wolf werde betäubt und anschließend eingeschläfert, hieß es am Mittwochabend, drei Stunden vor dem Schuss. Wie zu erwarten, hielt Kurti Abstand, so dass die Polizei um Amtshilfe gebeten werden musste.

Der Name des Schützen werde zu seinem Schutz nicht veröffentlicht, ist jetzt zu hören. Wer die Kommentare im Internet liest, versteht diese Entscheidung sofort.

Von Gerhard Sternitzke

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