Uelzens Dehoga-Kreisvorsitzender analysiert Gründe für das Kneipensterben

Konkurrenz aus Vereinen

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Aus geschlossenen Gesellschaften werden immer mehr geschlossene Kneipen: Die Gasthäuser auf dem Lande kämpfen um ihre Existenzen – unter anderem, weil Vereinsheime oder Dorfgemeinschaftshäuser zur Konkurrenz werden.

Seit Jahren ist der Trend absehbar gewesen, jetzt wird die Entwicklung immer dramatischer: Mehr und mehr Kneipen und Gasthäuser auf den Dörfern müssen ihre Türen schließen. Für immer.

Im vergangenen Jahr nahm die Zahl der Schankbetriebe in Niedersachsen um mehr als 40 Prozent ab. Auch im Landkreis Uelzen sieht es nicht besser aus, weiß Michael Schwarz. Im Interview mit AZ-Redakteurin Ines Bräutigam spricht der Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) und Hotelier über Ursachen und Chancen.

Herr Schwarz, das Kneipensterben ist zurzeit in aller Munde. Auch im Landkreis Uelzen?

Schwarz: Natürlich. Und nicht erst neuerdings, sondern schon seit langem. Das Thema ist ja nicht neu. Der Dehoga weist seit Jahrzehnten darauf hin, dass es Probleme gibt. Wir haben zwar keine konkreten Zahlen, aber fest steht, dass wir vom Dehoga in den vergangenen Jahren sehr viele Mitglieder verloren haben, weil sie ihre Betriebe schließen mussten.

Woran liegt’s?

Zum großen Teil an der Schwarzgastronomie. Darauf machen wir aber schon seit Jahren aufmerksam. Bislang wurde nur nichts dagegen unternommen. Jetzt, wo die Situation immer dramatischer wird, beginnen auf einmal die Diskussionen wieder.

Was meinen Sie denn mit „Schwarzgastronomie“?

Es gibt immer mehr Vereinsheime, Dorfgemeinschaftshäuser, Schützen- und Feuerwehrhäuser, in denen den Kneipen und Gaststätten Konkurrenz gemacht wird. Die Leute treffen sich nicht mehr in der Kneipe, sondern trinken ihr Bier im Vereinsheim oder im Feuerwehrhaus. Und der Bau dieser Einrichtungen wird meistens sogar noch mit öffentlichen Geldern bezuschusst. Es kann doch nicht sein, dass mit öffentlichen Mitteln noch dazu beigetragen wird, dass traditionelle Gasthäuser aussterben.

Hat das Vereinsleben wirklich so viel negativen Einfluss?

Es ist ja nicht nur das Vereinsleben. Viele Dorfgemeinschaftshäuser, Vereinsheime oder Schützenhäuser werden ja auch für besondere Anlässe vermietet. Und nicht nur immer an Mitglieder, sondern auch an irgendwelche Verwandte oder andere Personen. Da werden dann Hochzeiten und Geburtstage gefeiert, es gibt Butterkuchenfeste oder andere Events mit Essen und Trinken. Natürlich geht das dem heimischen Gastronom dann verloren.

Den Schuh werden sich die Vereine sicher nicht gern anziehen wollen...

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Das Vereinsleben ist wichtig und eine tolle Sache, da wird wichtige Jugendarbeit betrieben. Es ist gut, dass das gefördert wird; das will ich gar nicht zerreden. Auch gegen ein Fest ist überhaupt nichts einzuwenden. Aber was das Überlassen von Vereinseinrichtungen angeht – da müsste etwas geändert werden.

Was denn zum Beispiel?

Die Vermietung solcher Räume dürfte nur zu höheren Gebühren möglich sein. Denn die Vereinsheime werden ja vor allem deshalb genutzt, weil man der Meinung ist, dass es in der Gastronomie teurer wäre. Wäre in den Vereinsheimen allerdings auch eine Mehrwertsteuer fällig, so wie es bei uns in den Betrieben der Fall ist, sähe alles schon ganz anders aus...

Welche Maßnahmen könnten denn der Entwicklung entgegen wirken?

Erstens, dass diese Einrichtungen nicht mehr mit öffentlichen Mitteln gefördert werden und damit eine hohe Ausstattung erreicht wird. Und zweitens, dass diese Vereinsheime, Dorfgemeinschafts- und anderen Häuser die gleichen Anforderungen erfüllen müssen, die in der Gastronomie Gang und Gäbe sind – ich sage nur Stichworte wie Toilettenanlagen, Hygienemaßnahmen oder Brandschutz. Aber natürlich müsste das alles dann auch von jemandem kontrolliert werden...

Ist es allein die Schwarzgastronomie, die den Gasthäusern und Kneipen zu schaffen macht?

Nein, natürlich hat die Entwicklung auch mit dem demografischen Wandel zu tun. Gastwirte haben es immer schwerer, Nachfolger für ihre Betriebe zu finden. Weil die Arbeitszeiten nicht attraktiv sind, denn das ist kein 8-Stunden-Job. Und weil die Jungen schon bei ihren Eltern gesehen haben, dass ein solcher Betrieb oft nicht fürs Auskommen reicht. Die Unsicherheiten sind einfach zu groß. Die Älteren arbeiten dann, bis sie 70 sind, manche noch länger, und dann schließen sie eines Tages ihren Betrieb für immer zu.

Klingt finster...

Natürlich gibt es Betriebe auf dem Lande, bei denen es gut aussieht. Das hängt vor allem mit der Lage zusammen. Und damit, ob es in dem Ort ein großes Vereinsheim oder ein großes Feuerwehrhaus gibt.

Was können Sie denn Gastwirten raten, damit sie ihren Betrieb am Leben halten?

Mit den Entwicklungen Schritt halten. Oder Events anbieten, denn wir leben in einer Eventgesellschaft; die Menschen brauchen immer mehr Anreize. Aber nicht in jedem Ort ist es möglich, eine Gastronomie als Vollerwerb zu betreiben – da muss man dann überlegen, ob man eine Kneipe noch als Nebenerwerb betreibt. Ein Patentrezept gibt es allerdings nicht. Unterm Strich wird das Kneipensterben ohnehin zum sozialen Problem.

Wie meinen Sie das?

Der soziale Wert von Kneipen ist gewaltig unterschätzt worden. Früher ging man sonntags nach der Kirche zum Frühschoppen in die Kneipe und dann zum Mittagessen. Kneipen sind ein Ort der Begegnungen und Kommunikation. Das ist vorbei – heute trifft man sich im Internet. Die Bedürfnisse der Menschen haben sich verändert und auch die Dinge, für die sie Geld auszugeben bereit sind. Da hört man dann schon mal: ‘Ich gebe hier auf dem Lande doch keine 4 Euro für ein Kännchen Kaffee aus!’ Aber in Hamburg zahlen diese Kunden das ohne weiteres. Da wundert man sich schon, denn die Kosten hier wie dort sind die gleichen. Das alles ist auch eine Frage der Wertschätzung.

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