Von Woche zu Woche

Kommentar zum "Pokémon Go"-Hype: Menschsein nicht vergessen

+
Weltweit ist "Pokemon Go"-Fieber ausgebrochen. In einem erschreckendem Ausmaß.

Wie sehr lieben wir doch die Zerstreuung. Da sterben Dutzende Menschen bei einem schrecklichen Terror-Anschlag in Nizza und der am häufigsten vermerkte „Suchtrend“ bei Google lautet auch zwölf Stunden nach dem Anschlag: „Nintendo“.

Dem Videospielehersteller ist mit „Pokémon Go“ der große Wurf gelungen. Kein Handy-Spiel hat jemals in so kurzer Zeit so viele Menschen zu „Smombies“ gemacht – das „Jugendwort des Jahres 2015“, eine Mischung aus „Smartphone“ und „Zombie“. Der Blick der Spieler klebt fast unentwegt am Handy-Display.

Nicht nur bei Google, auch auf unserem Internetportal az-online.de scheint die Mehrheit nur noch eines zu interessieren: „Pokémon Go“. 80 000 Leser zählt ein Artikel, Tendenz steigend, der von einem Autofahrer in den USA berichtet, der durchs „Pokémon-Go“-Spiel am Steuer so abgelenkt war, dass er gegen einen Baum krachte. Er wurde leicht verletzt. Zum Vergleich: Unser Online-Bericht über den Anschlag in Nizza mit über 80 Toten zählte zur gleichen Zeit 866 Leser. Da läuft was falsch!

Keine Frage, selbstverständlich freuen wir uns über viele Zugriffe im Internet, aber in solchen Momenten stehen wir ratlos vor unseren großen Bildschirmen in der Redaktion, auf denen die Zugriffszahlen zu sehen sind und fragen uns: Wieso drehen nur so viele Menschen durch?

Computer- und Handy-Spiele gehören zu unserer Kultur und das ist auch gut so. Dass die Suche mit dem Smartphone nach den imaginären kleinen Monstern Spaß macht, konnten wir in der AZ-Redaktion auch selbst feststellen.

Das Prinzip ist denkbar einfach, wahrscheinlich macht das auch den Reiz aus: Auf dem Handy-Display erscheinen die kleinen Pokémons, projiziert in die Aufnahme der realen Welt – die Handykamera macht’s möglich. Wir fangen sie ein und machen uns auf die Suche nach dem nächsten. Die Pokémons können buchstäblich überall auf dem Globus versteckt sein. Ja, „Pokémon-Go“-Spieler waren auch im Konzentrationslager Auschwitz auf Monsterhatz. Da wird einem schlecht.

Dieses simple Spielprinzip scheint unser Belohnungssystem im Gehirn so sehr anzusprechen, dass wir das Menschsein vergessen. Jetzt meldet sich sogar die Drogenbeauftragte der Bundesregierung zu Wort und befürchtet eine hohe Suchtgefahr. Im Internet kursieren Videos, die angeblich zeigen, dass Menschenmassen – es müssen Hunderte sein – eine vierspurige Schnellstraße überqueren, den Verkehr zum Erliegen bringen und dort Pokémons mit ihren Handys jagen. Wir reden hier nicht von Kindern oder Jugendlichen, wir reden von Erwachsenen. Unweigerlich fragen wir uns: Wann beklagen wir die ersten Toten?

Das macht Angst. Angst vor allem deshalb, weil wir uns vergegenwärtigen müssen, dass wir hier von einer Handy-App reden. Einer Handy-App! Bitte, liebe Spieler, vergesst das Menschsein nicht!

Von Michael Koch

Mehr zum Thema

Kommentare