Von Woche zu Woche

Kommentar: Entlassen aus dem Altersheim

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(Symbolfoto)

Den Wert einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit ihren Alten umgeht – dieser Satz ist in Zeiten, in denen der Anteil der Senioren ständig wächst und die Rentenproblematik nicht zu lösen scheint, aktueller denn je.

AZ-Chefredakteur Thomas Mitzlaff

Doch das Thema „alte Menschen“ beschäftigt längst nicht mehr nur Politik und Gesundheitswesen, sondern immer häufiger auch die Gerichte. So wie diese Woche im Landgericht Lüneburg. Während nebenan ein Kinderschänder verurteilt wird, versucht die Justiz wenige Räume weiter Recht zu sprechen in der Angelegenheit eines Mannes, der selbst nicht mehr in der Lage ist, sich für seine Sache stark zu machen. Er ist 74 Jahre alt, an Demenz erkrankt und das Uelzener Pflegeheim, in dem er seit zwei Jahren lebt, will ihn nicht mehr haben. In einer Einrichtung, die für ihn die letzte Station des Lebens sein sollte, bekommt er die Kündigung. Entlassen aus dem Altenheim, gewissermaßen. Auf die Straße.

Nun ist es grundsätzlich erst einmal gut und wichtig, dass es Seniorenheime gibt, die Menschen aller Pflegestufen und auch an Demenz Erkrankte aufnehmen. Das betroffene Haus in Uelzen ist eine solche Einrichtung, die ausdrücklich dafür wirbt. Da darf man unterstellen, dass das Personal auch entsprechend geschult wird und mit den meisten Unwägbarkeiten, die das Krankheitsbild Demenz verursacht, umgehen kann.

Aber irgend etwas ist schief gelaufen im Fall des 74-jährigen Uelzeners, der jetzt abgeschoben werden soll. Erst eine Kündigung, die zurückgenommen wird, dann eine zweite, über die man jetzt vor Gericht streitet. Abgesehen davon, dass ein solches menschliches Schicksal doch nicht juristisch seziert und gelöst werden kann und darf, weil dabei die Menschlichkeit ganz zwangsläufig auf der Strecke bleibt – wie würde dieser Fall laufen, wenn der Betroffene keine Angehörigen hätte, die sich um ihn kümmern, wenn er der Situation völlig hilflos ausgeliefert wäre? Man mag es sich nicht ausmalen.

Dass die Geschäftsführung des Pflegeheims gar nicht erst zum vom Landgericht angesetzten „Gütetermin“ erscheint, in dem doch eigentlich Lösungsmöglichkeiten ohne Urteilsspruch ausgelotet werden sollen, ist kein gutes Zeichen angesichts des Umstandes, dass es hier um das Schicksal eines schwerkranken Menschen geht.

Und den Vorwurf, zu dem das Gericht ein Urteil sprechen soll, mag man gar nicht glauben: Ein demenzkranker alter Mann soll seine Pflichten „schuldhaft gröblich verletzt haben“, weil er zugeschlagen hat, was laut Familie wohl auf seine Erkrankung zurückzuführen ist. Eine Argumentation, die nichts anders ist als eine Kapitulation vor dem eigenen Anspruch, nämlich Demenzkranken ein Zuhause zu bieten. Den Wert einer Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit ihren Alten umgeht – hoffentlich steht dieser Fall nicht exemplarisch dafür.

Von Thomas Mitzlaff

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