Von Woche zu Woche

Klassenzimmer als dritter Pädagoge

Zwei Schulen, ein Problem: ihre Ausstattung. Zwei Fälle aus dem Landkreis Uelzen belegen dies.

Fall eins: Der Oberschule Bad Bodenteich soll die Dependance am Leinenberg geschlossen werden. Klassenräume fielen weg. Die würden aber dringend gebraucht, so unisono Elternverein und Schulleiterin Mingo Hartmann. Stattdessen sollen ab kommenden Schuljahr 370 Jugendliche im Hauptgebäude am Kiebitzberg lernen, wo jetzt 250 Schüler unterrichtet werden. Wie viele Flüchtlingskinder dann noch dazugekommen sein werden, kann niemand sagen.

Fall zwei: Die Berufsbildenden Schulen I. Das Schulgebäude an der Scharnhorststraße ist aus den 50er Jahren. Die Drehbänke, an denen die Metalltechniker bis vor kurzem ausschließlich geschult wurden, sind nicht viel jünger – reif fürs Industriemuseum. In Werkstätten anderer Berufsfelder sehe es zum Teil nicht viel besser aus, sagt Schulleiter Stefan Nowatschin. An der BBS I sollen rund 2400 Schüler für eine sich immer schneller verändernde Berufswelt fit gemacht werden. Stichwort: Industrie 4.0. Wie soll das unter solchen Voraussetzungen sach- und anforderungsgerecht funktionieren, fragt man sich als Außenstehender.

Jens Schopp

In beiden Fällen ist der Landkreis Uelzen Schulträger, also verantwortlich für Gebäude und sachliche Ausstattung der Schulen. Zwar hat er der BBS I jetzt eine computergesteuerte Universaldrehbank „spendiert“, aber das ist wohl erst einmal nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man Nowatschin glauben schenken darf. Oder eine Beruhigungspille. Der Schulleiter hatte vor Monaten einen Investitionsstau in seiner Schule von 700 000 Euro angemahnt. Hinzu käme noch einmal die energetische Sanierung des Schulgebäudes. Ein Schelm wer Böses dabei denkt: Sechs Monate vor der Kommunalwahl, und die CNC-Drehmaschine ist da.

Ähnliche Großzügigkeit dürfte den Oberschülern in Bodenteich wohl nicht widerfahren. „Die Ausgaben für die Umsetzung kostenträchtiger brandschutztechnischer Erfordernisse seien nicht erforderlich beziehungsweise nicht zu rechtfertigen“, argumentiert der Landkreis für die Aufgabe des Standorts Leinenberg. Raum sei genügend vorhanden. Man muss kein ausgewiesener Pädagoge sein, um sich vorstellen zu können, dass es am Bodenteicher Kiebitzberg eng werden dürfte, wenn sich demnächst ein Drittel mehr Schüler im Gebäude tummeln.

Dabei spricht die Schul-Fachwelt vom „Raum als dritten Pädagogen“. An dem spart der Kreis in Bad Bodenteich kräftig. Eine Infrastruktur für modernes Lernen zu bieten, funktioniert so jedenfalls nicht.

Von Jens Schopp

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