Ein 16-Jähriger Suhlendorfer half mit seiner Schule den verarmten Menschen im afrikanischen Swasiland

Klassenfahrt ins Krisengebiet

Mit seiner japanischen Mitschülerin Shiho Nagao hat Florian Kollmeier eine Schule in Swasiland renoviert und sich um die vielen AIDS-Waisen des afrikanisches Landes gekümmert.

Uelzen. „Besonders betroffen haben mich die Kinder gemacht. Ich hab mit ihnen gespielt und gewusst: Die sind nächstes Jahr nicht mehr da“, erinnert sich Florian Kollmeier.

Seit gut drei Wochen ist der Suhlendorfer zurück in Europa. Die Bilder jedoch, werde er nicht mehr los, sagt er.

Im Rahmen eines Schulprojektes hat der 16-Jährige seine Sommerferien in Swasiland verbracht – einem der ärmsten Länder der Erde mit der weltweit höchsten AIDS-Rate.

„Es war schrecklich das Leiden zu sehen“, erinnert sich der 16-Jährige an die zweieinhalb Wochen in dem winzigen Königreich im Süden Afrikas. „Überall sieht man die Kinder mit riesigen Hungerbäuchen. Bilder, wie in der Tagesschau“, fährt er fort.

Seit sieben Jahren besteht das Projekt der internationale Schule in in Südengland, die Florian seit 2009 besucht. Aus 54 verschiedenen Nationen kommen die knapp 400 Jungen und Mädchen – Deutschland, Japan, Südamerika und eben auch Afrika. „Ein paar der 23 Kinder des Swasi-Königs gehen auf unsere Schule“, berichtet der Suhlendorfer.

„Im Prinzip ist dieses Projekt nichts anderes als ein Schüleraustausch – nur, dass wir was Gutes tun“, beteuert Florian. Ins Leben gerufen hat es der Schulleiter des Internates, Mister Sutton. „Es werden Unruhen kommen, ladet uns ein und lasst uns helfen, damit euer Volk sieht, dass ihr etwas für die Menschen tut“ – mit diesen Worten soll der britische Pädagoge den afrikanischen Monarchen, mit dem er einst zur Schule ging, überzeugt haben.

„Der König ist so unglaublich reich – jeder normale Mensch mit einem Herzen, würde sein Geld verteilen“, überlegt Florian, der die unvorstellbare Armut und das Leid der Menschen in Swasiland mit eigenen Augen gesehen hat.

Tatsächlich ließ sich das Staatsoberhaupt überzeugen und lud die 20 Jungen und Mädchen zwischen 11 und 18 Jahren in sein Land ein. Anstatt in einem Palast haben die Internatsschüler mitten im Busch geschlafen. „Einmal am Tag konnte man auf die Toilette. Mit Glück gab’s auch mal fließend Wasser“, erinnert sich Florian.

Finanziert wird das Projekt durch wohlhabende Eltern, Spenden und mit viel Ideenreichtum. „Jeder der mitgefahren ist, musste 100 britische Pfund, etwa 115 Euro, und 10 Kilo eigene Kleidung beisteuern“, berichtet Florian. Das Geld haben die Schüler durch Kuchenverkauf und verschiedene Aktionen in England eingenommen.

„Zum Beispiel einen Tag lang keine Schuluniform tragen zu müssen, hat ein Pfund gekostet“, erinnert sich der 16-Jährige lachend. Flug und Verpflegung hat jeder Schüler selbst übernommen. „Das haben mir meine Eltern zum Geburtstag geschenkt“, erzählt Florian, der anfänglich Zweifel hatte, die „Tour ins Ungewisse“ zu unternehmen.

Im Nachhinein sei er jedoch dankbar für die Zeit in dieser anderen Welt, berichtet er. „Die Menschen lächeln und sind glücklich, obwohl sie nichts haben. Sie freuen sich über ganz einfache Dinge“, erinnert sich der Suhlendorfer und wirft ein: „Man kann viel kaufen, viel Geld geben – das Wichtigste ist es, Zeit mit den Menschen dort zu verbringen, mit ihnen zu reden, ihnen zuzuhören“.

Gemeinsam mit dem Schulleiter, einem Sportlehrer, zwei Müttern und der Fußballcoach, der seit Jahren eine Sportakademie in Swasiland veranstaltet, haben die 20 Jungen und Mädchen den Menschen unter anderem beim Aufbau ihrer Dorfgemeinschaften und der Restauration einer Schule geholfen. „Jeden Morgen sind wir mit Bussen in die Schule gefahren. Dort haben wir renoviert, mit den Kindern gespielt und sie in englischer Sprache unterrichtet“, berichtet Florian.

Über 70 Prozent der Bevölkerung von Swasiland leben in Armut. „Wenn die Kinder zu Schule kommen, sind sie meistens schon 10 Kilometer barfuß hergelaufen und bekommen dann am Vormittag ihre oft einzige Mahlzeit des Tages – einen Brei aus Maismehl und Wasser“, weiß der 16-Jährige zu berichten. „Wenn ich jetzt sehe, wie hier jemand Essen wegschmeißt, kann ich nicht hingucken“ fügt er nachdenklich hinzu. Die Armut und der Hunger alleine sind jedoch nicht das einzige Problem. Ein Viertel aller sexuell aktiven Personen in Swasiland ist HIV positiv. Die Elterngeneration stirbt an AIDS und zurück bleiben ihre Nachkommen. In fast jeder zehnten Familie, wachsen die Kinder ohne Eltern auf.

Die Nationalsprache Siswati hat kein Wort für „Waise“, da in den großen Familien Onkel und Tanten stets auch wie Väter und Mütter waren. Doch mittlerweile sind auch die oft schon gestorben oder müssen sich um die eigenen Enkelkinder kümmern.

„An AIDS denkt man schon. Einmal habe ich mich an einer Glasscherbe verletzt und den Finger bis zum Handballen verbunden bekommen. Die kranken Kinder tragen sowieso immer Handschuhe“, berichtet Florian.

„Es heißt, 15 von 20 Kindern sind infiziert und in den Schulbüchern steht: Gott wird kommen und euch von AIDS heilen“, erzählt der Suhlendorfer.

Da 80 Prozent der Bevölkerung in den verarmten ländlichen Regionen leben und die Dörfer weit abseits der großen Kommunikations- und Straßennetze liegen, gestaltet sich die gesundheitliche Versorgung der Familien extrem schwierig. Hinzu kommt, dass Swasiland sehr wenige Mediziner und keine Hochschule zur Ausbildung von Ärzten und Krankenpflegepersonal hat.

Gemeinsam mit einem britischen Mediziner haben sich die Internatsschüler von der erschütternden Situation vor Ort überzeugen können. „Im Krankenhaus gibt es offene OP-Säle und alles ist total verdreckt“, erinnert sich Florian.

„Ich habe aber auch eine Mutter mit ihrem Baby kennen gelernt, die in der Klinik Zuflucht von ihrem Ehemann gesucht hat“, berichtet er. Missbrauch und Gewalt, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung und Schläge gehören zum Alltag vieler Frauen in der patriarchalischen Gesellschaft Swasilands.

„Da schleppen die Frauen Ziegelsteine und Zement und ihre Männer sitzen am Rand und gucken zu“, berichtet Florian. Zum Schutz wurden die Internatsschüler stets von einem Polizisten begleitet.

„Wir saßen im Bus und mussten unser Wasser vor den Swasis auf der Straße verstecken. Man darf nichts verschenken, sonst hat man direkt 100 bettelnde Menschen um sich“, erzählt der 16-Jährige.

Aber nicht nur das Leid und die Gewalt haben Florian auf seiner Reise beeindruckt. „Es ist faszinierend – das Wenige, was sie haben, teilen die Leute. Am letzten Tag haben unsere Gastgeber eine Ziege geschlachtet“, berichtet der Schüler.

„Einen I-Pod und alles was wir so besitzen ist für uns selbstverständlich, dabei sollte man die Dinge viel mehr wertschätzen“, überlegt er.

Im September wird Florian dann zurück ins Internat nach Hastings gehen. Zwei Jahre noch, dann ist er fertig mit der Schule. „Ich möchte irgendwo in der Welt studieren“, erzählt er. „London, USA oder Indien“, überlegt der 16-Jährige.

Ob er den nächsten Sommer wieder in Swasiland verbringen wird, weiß der Suhlendorfer noch nicht. Von den kleinen AIDS-kranken Jungen und Mädchen, die Florian auf seiner Reise kennenlernte, hat er Fotos gemacht. Vermutlich wird er sie nicht wieder sehen.

Von Lea Bernsmann

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