Uelzens Propst Jörg Hagen zu Herausforderungen und Aufgaben in der Zukunft

„Kirche wird anders werden, aber sie wird bleiben“

Leere Bänke in den Gottesdiensten, sanierungsbedürftige Kirchen und Gemeindehäuser und insgesamt klamme Kassen – der Rotstift macht auch vor der Kirche nicht Halt. Umso dringlicher werden Konzepte für die Zukunft, vor allem in der Fläche.

Damit die Kirche sprichwörtlich im Dorf bleiben kann. Im AZ-Interview spricht Uelzens Propst Jörg Hagen über Herausforderungen, Probleme und Ziele für die Zukunft.

AZ: Herr Hagen, wie ernst ist denn die Lage zurzeit wirklich?

Hagen: Tatsache ist, dass sich immer mehr Institutionen aus den Dörfern verabschieden. Schulen, Gasthäuser, Einkaufsläden werden geschlossen. Die Menschen schätzen gerade deswegen die Kirche sehr. Es ist wichtig, dass die Kirchen im Dorf bleiben. Deshalb ist die zentrale Frage zurzeit auch: Wie kann man das gemeindliche Leben dort aufrecht erhalten?

Und? Wie kann man?

Da sind zum einen die Fusionen von Kirchengemeinden. In Barum-Natendorf hat dies zum Beispiel schon stattgefunden, oder in Lehmke-Wieren. Das ist für die betroffenen Gemeinden nicht einfach – schließlich verlieren sie nach hunderten von Jahren plötzlich ihre Pfarrhäuser. Da steht man wieder vor der Aufgabe: Wie soll dort die Zukunft aussehen? Vor allem in den strukturschwachen Gebieten. Bislang hatten die Gemeinden durchschnittlich 2500 Mitglieder – weil aber mit den Fusionen die Gebiete noch größer werden, schrumpft die Anzahl der Mitglieder pro Gemeinde.

Und für die werden die Wege in die Kirchen immer weiter...

Weder für die Gemeinde, noch für den Pastor ist es schön, wenn der Gottesdienst vor halb leeren Bänken gefeiert wird. Es ist eben mit 50 Leuten in der Kirche schöner als mit zehn. Deshalb ist es gut, dass die Gemeindemitglieder allmählich dazu übergehen, zu den Gottesdiensten zu fahren. Mit organisierten Fahrdiensten, wie es ihn zum Beispiel von Stöcken nach Rosche gibt. Auch einen Fahrdienst zur St.-Marien-Kirche in Uelzen gibt es. Das ist eine sehr gute Entwicklung.

Die aber jemand in die Hand nehmen muss. Da kommt wahrscheinlich – einmal mehr – das Ehrenamt ins Spiel, oder?

So ist es. Sei es bei Fahrdiensten, bei der Betreuung und bei Besuchen von Alten oder Gebrechlichen – die Kirchenvorstände sind verstärkt gefordert. Das ist auch gut so, weil man so dem Gedanken aus reformatorischer Zeit folgt: Jeder Einzelne von einigen Tausend Gemeindemitgliedern ist für bestimmte Aufgaben da. Viele Pastoren haben das auch in der Vergangenheit schon so gepflegt.

Es werden also Aufgaben delegiert, die bislang die Pastoren übernommen haben?

Der Pastor wird natürlich seine Kernaufgaben wie Seelsorge, Lebensbegleitung, Kasualien und Gottesdienste übernehmen. Aber er wird nicht mehr allgegenwärtig sein können. Es ist ein sehr vielseitiger Beruf, der Entlastung nötig hat, um eben diese Kernaufgaben zu sichern. Und mir liegt immer daran, den Leuten klar zu machen, dass sie mit ihrem Ehrenamt nicht nur den Pastor entlasten, sondern dass jeder seine christliche Verantwortung wahrnimmt. Nur darin kann die Chance für die Zukunft liegen. Die Gemeinden werden künftig so gut sein, wie sie in der Lage sind, Mitglieder zu gewinnen, die sich einbringen und vernetzen.

Und das funktionert?

In Himbergen-Römstedt geht es zum Beispiel schon in diese Richtung. Dort haben wir einen sehr regen Kirchenvorstand. Und das ist es, was Kirche braucht: selbstbewusste Kirchenvorstände, die sich bemühen, ein Teil des dörflichen Lebens zu sein. Heutzutage tun sich ja auch schon Vereine zusammen, um mitgliederstark zu bleiben. Und nicht jeder feiert sein eigenes Fest, sondern man feiert zusammen. Da gehört auch Kirche dazu. Zumal gerade auch auf den Dörfern der Rückzug ins Private feststellbar wird. Kirche hat auch die Aufgabe, bewusst zu machen, dass die Dörfer ein Teil Gottes schöner Schöpfung sind.

Also wird nicht nur aufs Ehrenamt gebaut, sondern auch auf Kooperationen?

Genau. Wir können nicht auf Dauer parallele Strukturen aufrecht erhalten. Kooperationen mit der AWO und dem DRK sind sinnvoll, weil Ehrenamtliche oftmals sowohl in der Kirche, als auch den Verbänden engagiert sind. Ich habe das schon einige Male erlebt: Bei Jubiläen oder Ehrungen überreicht dann ein und dieselbe Person zum Beispiel Blumen fürs DRK, ein Buch von der Kirche und Kekse von der AWO.

Ehrenamt und Kooperationen sind also Gebote der Stunde. Was noch?

Es hat sich herausgestellt, dass sich alternative Gottesdienstformen etablieren und die Menschen erreichen. Richtige „Renner“ sind zum Beispiel Open-Air-Gottesdienste – die Andacht beim Bohlsener Mühlenfest oder der Ökumenische Gottesdienst in Uelzen ziehen jedes Mal sehr viele Leute an. Auch zielgruppenorientierte Gottesdienste wie Konfirmandengottesdienste oder Floriansgottesdienste mit Feuerwehren sorgen dafür, dass Menschen in die Kirchen kommen.

Das heißt, dann sind die Kirchenbänke voll besetzt?

Auf jeden Fall finden diejenigen den Weg in die Kirche, die dort sonst eher selten sind: die Familien der Jugendlichen. Und für manchen war dies schon Anlass, dass er Kirche wieder ein Stück weit neu für sich entdeckt hat. Dennoch wird es die ganz normalen Sonntagsgottesdienste weiterhin so geben.

Weil es Gemeindemitglieder gibt, die den neuen Formen nichts abgewinnen können und auf die klassische Predigt bestehen?

Ja, es gibt viele, für die eben das Gottesdienst ist. Ich glaube aber, dass wir uns nichts damit vergeben, wenn wir auch neuen Formen Raum bieten. Da gibt es schon eine Menge neuer und guter Erfahrungen.

Warum ist es für Kirche so schwer, die Menschen zu erreichen?

Kirche erreicht sehr viele Menschen, und viele stehen hinter der Kirche. Aber es gibt auch viele, die ihren Glauben mit sich ausmachen. Deshalb gibt es ja auch viele Bemühungen für niederschwellige Angebote, um die Leute zum Glauben zu bekommen. Der Glaubenskursus in Bad Bevensen zum Beispiel war kürzlich ein großer Erfolg. Da geht es dann um Fragen wie „Was ist Gerechtigkeit?“, „Gibt es Gott?“ oder „Wo stehe ich im Leben?“.

Klingt auch nach einem Lernprozess, den Kirche durchmacht...

Kirche ist in den vergangenen 15 Jahren viel offener geworden, und viele Menschen besinnen sich wieder auf den Glauben. Bei Gesprächen mit den Leuten wird der Kirche ein großer Vertrauensvorschuss gewährt – das finde ich ein hoffnungsvolles Zeichen. Bei den Menschen gibt es – gerade in der ländlichen Region – eine feste Verwurzelung, auch mit der Kirche. Das gilt auch für junge Menschen. Hier ist eine bodenständige Kirchlichkeit spürbar – und das ist sehr ermutigend.

Ermutigend wofür?

Sich den zwei großen mittelfristigen Fragen zu stellen: Wie können wir den Menschen klar machen, dass sich Kirche nicht aus der Fläche zurückzieht, obwohl immer weniger Hauptamtliche bezahlt werden können? Und was zeichnet unseren Kirchenkreis aus? Da muss überlegt werden, wofür wir in Zukunft Geld einsetzen und Schwerpunkte festlegen.

Wie groß ist im Kirchenkreis Uelzen das Problem der Austritte?

Es sind eigentlich weniger die Kirchenaustritte, die ins Gewicht fallen; auf zehn Austritte kommen etwa drei Eintritte. Vielmehr ist es der demografische Wandel, der sich auch bei uns bemerkbar macht: Wir haben rund ein Drittel mehr Beerdigungen (etwa 900) als Taufen (etwa 600).

Eine weitere Herausforderungen steckt ja auch in den kirchlichen Gebäuden, an denen der Zahn der Zeit nagt...

Ja, das Gebäudemanagement ist eine besondere Herausforderung. Und die werden wir nicht allein bewältigen können – nicht zuletzt, weil viele Gebäude unter Denkmalschutz stehen und Sie da nicht machen können, was Sie wollen.

Welche Lösungen könnte es dafür geben?

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es bereits Fördervereine, die sich um den Erhalt von Küsterhäusern kümmern. Das wäre sicher eine Möglichkeit.

Woanders wurden bereits Kirchen verkauft. Wie stehen Sie dazu?

Das ist bei uns noch kein akutes Problem. Aber man muss bedenken, dass manche Kirchen nur zwölf Mal im Jahr genutzt werden. Auf der anderen Seite haben sie eine große dörfliche Bedeutung. Eines steht fest: Kirche wird anders werden, aber sie wird bleiben.

Von Ines Bräutigam

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