Kicken hinter Knastmauern

Bei der Siegerehrung mit Horst Hrubesch, Otto Lukat, Anstaltsleiterin Sabine Hamann und JVA-Mitarbeiter Wolfgang Kachler (von links) erhielt der Meppener Spielführer gleich zwei Pokale.

Uelzen/Landkreis. Genau weiß sie es nicht, aber „da kommen schon einige hundert Knastjahre zusammen“, schätzt Sabine Hamann, Leiterin der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen, als sie am Sonnabend den Blick über den anstaltseigenen Sportplatz schweifen lässt. Acht Mannschaften spielen um die niedersächsische Fußballmeisterschaft für Gefangene.

Gastgebendes Team ist der Uelzener SV Störtenbüttel von 1987, der auch am regulären Ligabetrieb teilnimmt und dort die einzige Mannschaft ist, die nur Heimspiele absolviert. Dem Verein gehören ausschließlich Gefangene der JVA Uelzen an, „gut 100 von unseren 230 Gefangenen“, schätzt ihr Trainer Thomas Wenck, und die dürfen natürlich den Knast nicht einfach für Auswärtsspiele verlassen.

Ein Turnier auf dem eigenen Platz, das hat schon Seltenheitswert und ist ein willkommene Abwechslung für die Gefangenen. Ähnlich ergeht es den Fußballern aus Wolfenbüttel, Groß Hesepe, Meppen, Hannover, Sehnde, Vechta und Oldenburg, die am Turnier teilnehmen. Die allerdings haben teilweise einen gewichtigen Vorteil gegenüber der Mannschaft aus Uelzen: „Wir haben hier vor allem kurzstrafige Gefangene“, erklärt Wenck, „da ist es nicht so einfach, eine funktionierende Mannschaft aufzubauen, wenn die Spieler nach kurzer Zeit wieder entlassen werden.“

Innerhalb eines Jahres hat er „einmal komplett durchgewechselt“. Die Sehnder seien da besser dran, findet Wenck, weil da die Gefangenen viel länger einsitzen und die Mannschaft nicht immer wieder umgebaut werden muss. Mag sein, dass das bei den Uelzenern auch im Elfmeterschießen um Platz drei eine Rolle gespielt hat. Das entschied die Mannschaft der JVA Hannover mit 4:1 für sich. „Da haben unseren Spielern die Nerven geflattert und die Beine gewackelt“, sagt Wenck.

Die Einschätzung teilt auch Horst Hrubesch, Trainer der U19-Nationalmannschaft, der die Siegerehrung vornehmen sollte, aber darauf bestand, sich auch die letzten vier Spiele anzusehen. „Ein paar gute Ansätze habe ich gesehen, aber ihr müsst euch noch ziemlich anstrengen, bis ich euch in die U 19 aufnehme“, gab er den Meppenern mit auf den Weg, die im Elfmeterschießen gegen die Mannschaft aus Sehnde den Turniersieg davontrug. Die feierten natürlich ohne Bier und auch die Heimfahrt im Gefangenenbus wird weniger stimmungsvoll gewesen sein als bei „normalen“ Vereinen. Vorher entschuldigte sich der Spielführer noch launig „bei allen Gegenspielern, denen wir weh getan haben“.

Grobe Fouls hatte es jedoch nicht gegeben: „Wir haben nicht eine einzige rote Karte verteilt“, bestätigt ein Schiedsrichter und auch zur gelben hat er selten greifen müssen. Dass seine Spieler immer dann, wenn ein Ball über die Knastmauer geht, kollektiv „Ich hol ihn! rufen, verweist Trainer Wenck übrigens grinsend in den Bereich der Fabel.

Von Jürgen Köhler-Götze

Kommentare