Stephan Weil (SPD) besichtigte, lief und diskutierte gestern im Landkreis Uelzen

Von Keksen bis Koalition

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Hinter den Kulissen der Bohlsener Mühle ließ sich SPD-Mann Stephan Weil (rechts) von Inhaber Volker Krause auch das Lager zeigen.

Bohlsen/Uelzen/Bad Bevensen. Erst hängte er sein Sakko für einen eher wenig schmückenden Zellstoff-Kittel samt hellblauer Haarhaube an den Haken, dann tauschte er seinen Anzug gegen einen schnittigen Jogging-Dress –

es war ein Programm der Kontraste, das Stephan Weil gestern im Landkreis Uelzen absolvierte: Nach der Betriebsbesichtigung der Bohlsener Mühle nämlich ging es zum Laufen in den Uelzener Stadtwald, und schließlich stellte sich der SPD-Mann, der im kommenden Jahr David McAllister (CDU) das Amt des Niedersächsischen Ministerpräsidenten abnehmen möchte, im Bad Bevenser Kurhaus der Diskussion mit Interessierten. Alles unter dem Motto „Fit für Niedersachsen“.

Nach einer Runde Kekse und Cappuccino und einem umfangreichen Abriss über die Geschichte der Bohlsener Mühle von Inhaber Volker Krause geht es gestern Nachmittag für Stephan Weil hinter die Kulissen der Bio-Bäckerei. Während an der Verpackungsmaschine Taboulé-Mischungen eingetütet werden und die Backstraße goldbraune Mini-Butterkekse vor sich her schiebt, lauscht der 53-jährige Genosse aufmerksam Krauses Erklärungen, hakt nach, kommentiert, amüsiert sich über Anekdoten und stellt fest, dass die Entwicklung des heute 170 Mitarbeiter zählenden Familienunternehmens mit einem Jahresumsatz von 25 Millionen Euro „eine schöne Geschichte“ sei. – Auch wenn Grünkernbratlinge nicht so unbedingt sein Ding seien, wie er schmunzelnd verrät.

Die Tatsache, dass die Bohlsener Mühle gerade Möglichkeiten prüft, mit dem Abfallprodukt Dinkelspelzen Energie zu produzieren, beeindruckt den Hannoveraner sichtlich. Volker Krause sagt, dass man mit aus Dinkelspelzen gepressten Pellets nicht nur den Betrieb, sondern ganz Bohlsen heizen könnte. Weil ist beeindruckt: „Die Möglichkeiten solcher kleiner Energieträger wird zurzeit noch total unterschätzt“, findet er.

Als aus einer Maschine kleine Kakaomonde aufs Laufband rieseln, fragt sich Weil, wie es die Bohlsener Mühlenbäcker hinbekommen, dass der Teig nicht am Gerät festbappt. Beim Plätzchenbacken zu Hause jedenfalls klebe der Teig andauernd am Nudelholz, brummelt er. Allgemeines Schmunzeln unter den hellblauen Kopfhauben.

Doch es gibt auch Ernstes zu bereden in Bohlsen. So erfährt Stephan Weil von den örtlichen SPD-Vertretern, die auf Einladung der stellvertretenden Vorsitzenden des SPD-Unterbezirks-Vorstands Uelzen/Lüchow-Dannenberg, Sylvia Meier, in die Bohlsener Mühle gekommen waren, dass im Bereich Holthusen II ein bestehender Hähnchenmastbetrieb auf das Vierfache erweitert werden soll (siehe auch Bericht auf Seite 7) – in Sicht- und Riechweite des Öko-Betriebes. Und das würde auch Volker Krause stinken.

Der habe mit dem vorhandenen Stall noch kein Problem, betont er, mit dem Vierfachen aber sehr wohl. Weil sein Betrieb dann durch multiresistente Keime in der Luft in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Stephan Weil kann die Sorgen nachvollziehen und den Ärger der Bohlsener darüber, dass man „keinerlei Handhabe gegen solche Pläne“ habe. „Weil die Kommunen keine Planungshoheit haben“, stellt Weil fest und fügt an: „Das ist das Erste, was wir ändern werden.“

Dass Stephan Weil langen Atem hat, beweist er dann am späten Nachmittag bei seinem Lauf durch den Uelzener Stadtwald: „Wahlkampf ist wie ein 10-Kilometer-Lauf. Und wir sind jetzt ungefähr bei Kilometer 2,5.“ Der Mann weiß, wovon er spricht. Als passionierter Langstreckenläufer erwartet Stephan Weil im Rennen um das Amt des Niedersächsischen Ministerpräsidenten einen Kampf um jeden Zentimeter. Bis zum Ziel – das erst am 20. Januar 2013 mit der Wahl zum Landtag in Hannover erreicht wird. Bis dahin muss der sozialdemokratische Gegenspieler des amtierenden Ministerpräsidenten McAllister jede Menge Kondition haben.

„Um mich im Land bekanntzumachen, absolviere ich nicht nur Stippvisiten bei Firmen, Verbänden, Vereinen und anderen Institutionen, sondern ich erschließe mir die Fläche auch läuferisch“, berichtet der Genosse. Und so hatte der aktuelle Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover zum lockeren 10-Kilometer-Lauf geladen. Beim entspannten Joggen im Erzähltempo plaudert Weil mit seinen Mitläufern. Unter anderem ist Ralf Munstermann, SPD-Fraktionschef im Uelzener Stadtrat und ebenfalls leidenschaftlicher Läufer, mit von der Partie.

Ob Schul- und Finanzpolitik, die lokale Politik in der Uhlenköperstadt oder die Gesundheitsversorgung auf dem Land – beim rund 60-minütigen Lauf bleibt Zeit für die gesamte aktuelle Themenpalette. Dazu gehört auch die politische Arithmetik. Konkret: „Ich setze auf eine rot-grüne Koalition. Die große Unbekannte ist derzeit die Piratenpartei“, betont Weil. Und eine Große Koalition? „Die will doch eh keiner. Große Koalition bedeutet Stillstand. Und den können wir uns in Niedersachsen nicht leisten“, macht der SPD-Kandidat deutlich.

Leicht verschwitzt und ebenso verschmitzt ergänzt Stephan Weil: „Ich wundere mich bei meinen Besuchen in der Fläche immer wieder, wie stark eine CDU-geführte Regierung in den vergangenen Jahren die Fläche vernachlässigt hat. Da werden wir als Regierungspartei explizit nachbessern.“

Wie gut der Mann trainiert ist, zeigt sich am Ende der läuferischen Plauderstunde – von Müdigkeit keine Spur, mit einem Lächeln auf dem Gesicht geht es zum Duschen und anschließend weiter zum Abendtermin nach Bad Bevensen.

Von Andreas Becker und Ines Bräutigam

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