Abgeordneter Henning Otte zum Gutachten über das Sturmgewehr G 36

Kein Gewehr für heiße Zeiten

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„Der Soldat muss sich auf seine Waffe verlassen können. Und er muss mit dem bestmöglichen Gerät ausgestattet werden“, sagt der verteidigungspolitische Sprecher der Union, Henning Otte.

Berlin. Wegen massiver Probleme bei der Treffsicherheit will Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) alle 167 000 Sturmgewehre G 36 der Bundeswehr ersetzen.

Der verteidigungspolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Henning Otte, erklärt im Interview mit AZ-Redakteur Gerhard Sternitzke, wie es zu den Problemen kommen konnte.

AZ: Herr Otte, das G 36 erreicht in Extremfällen nur noch eine Treffgenauigkeit von sieben Prozent. Warum?

Otte: Das Gutachten hat festgestellt, dass es bei schussinduzierter Wärme, also durch Schießen, als auch bei klimatisch induzierter Wärme zu einer höheren Abweichung kommt als vermutet.

Was sagen die Soldaten? 

Otte: Da gibt es grundsätzlich gute Erfahrungen. Es liegen im Ministerium bisher keine konkreten Beschwerden über die Waffe vor.

Die Konsequenz aus dem neuen Gutachten? 

Otte: Die Kernaussage des Gutachtens ist, dass die Zuverlässigkeit des G 36 nicht mehr gegeben ist. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Bundeswehr mit einem neuen Gewehr auszustatten, vorrangig im Einsatzgebiet.

Das G 36 ist das Standardgewehr der Bundeswehr. 167 000 Waffen dieses Typs müssten ersetzt werden. Woher, wie schnell und zu welchem Preis? 

Otte: Das Gewehr ist 1993 bestellt und 1996 erstmals geliefert worden. Erstmal muss festgestellt werden, welche Parameter das neue Gewehr erfüllen soll und dann muss es ausgeschrieben werden.

Und das dauert... 

Otte: Ja. Aber der Anspruch auch von mir ist: Der Soldat muss sich auf seine Waffe verlassen können. Und er muss mit dem bestmöglichen Gerät ausgestattet werden.

Es hätte damals ein nur wenig schwereres Metallgewehr gegeben.

Otte: Es war damals gerade der Wille des Verteidigungsministeriums, die Truppe mit einem leichten Sturmgewehr auszustatten, um flexibel unterwegs sein zu können. Aber die heutigen Szenarien sind insbesondere Hinterhaltsszenarien, wo die Truppe sich nur durch massive Schussabwehr verteidigen kann.

Das G 36 war eine Waffe für eine Bundeswehr, die nicht allzu oft schoss. 

Otte: Die Bundeswehr agiert immer mit einem Waffenmix.

„Alle wesentlichen Bauteile des Gewehrs mit Ausnahme des Rohres und des Verschlusses werden aus einem hochwertigen schwarzen Kunststoff gefertigt“, heißt es auf der Internetseite der Bundeswehr. Warum wurden die Schwächen nicht rechtzeitig bemerkt? 

Otte: Die Kunststoffkomponenten ergeben jedesmal eine eigene Identität der Waffe. Zweitens kann man die Schussbilanz bei einem Gefecht, bei massivem Schuss-einsatz nicht nachvollziehen.

Warum ist das Gewehr nicht getestet worden? 

Otte: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber man hat damals einen Parameter festgelegt. Heute haben wir aber wesentlich höhere Temperaturschwankungen im Einsatz. Ich nenne nur Afghanistan und Mali. Es gibt Hinterhaltssituationen. Das hat immer mal wieder Zweifel aufkommen lassen, wo aber vorherige Untersuchungen überwiegend die Munition als Ursache für unterschiedliche Schießergebnisse sahen.

Angeblich wurden die Anforderungen der Ausschreibung abgesenkt. 

Otte: Nachträglich auf keinen Fall.

Warum wurde der Ankauf nicht 2012 von Thomas de Maizière gestoppt? 

Otte: Die Probleme, die es mit dem G 36 gegeben hat, waren Einzelfälle aufgrund unsachgemäßer Bedienung.

Von Gerhard Sternitzke

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