Kampf dem Komatrinken

„Druckbetankung“ bis zum Umfallen: Manche Kinder und Jugendliche sehen das schnelle Trinken hochprozentiger Alkoholika als fröhliches Gemeinschaftserlebnis an – es endete vielfach in der Klinik.

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. Hochprozentiges, vorzugsweise Wodka, wird mit Oragensaft oder Red Bull gemischt, um den eigentlich abstoßenden Geschmack des Schnapses zu übertünchen. Bier wird durch einen Trichter getrunken, dann schafft man die Halbliterflasche in weniger als einer Minute. „15 Minuten surfen die auf dieser Welle, dann haben sie ihre Grenze überschritten und brechen weg“, schildert Dr. Swen Geerken, Chefarzt der Kinderabteilung im Uelzener Klinikum. Für die 12- bis 16-jährigen Betrunkenen endet der Abend auf der Kinderstation, eine einzige solche Einlieferung kann das Personal dann Stunden beschäftigen.

Diesen verhängnisvollen Kreislauf wollen Klinikum, Landkreis und Polizei jetzt durchbrechen. Am 1. Oktober startet deswegen im Kreis das Projekt HaLt – „Hart am Limit“. bei dem es um das Thema Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen geht.

HaLt hat zwei Bausteine: Zum einen werden Jugendliche nach einer Alkoholvegiftung beim so genannten „Brückengespräch“ noch im Klinikum angesprochen, um sich zeitnah mit dem Vorfall auseinanderzusetzen. Dafür stehen an den Wochenenden zwei Mitarbeiterinnen der Lüneburger Drogenberatung und der Uelzener Fachstelle Sucht in Bereitschaft.

Ein zweiter Baustein ist eine Präventionsstragie mit dem Ziel, Alkoholexzesse zu verhindern. Dazu werden Jugendliche etwa in Schulen und Vereinen angesprochen. Aber auch Erwachsene werden in die Verantwortung genommen, zum Beispiel durch die konsequente Einhaltung des Jugendschutzgesetzes bei Festen oder in der Gastronomie.

„In Niedersachsen haben wir derzweit 15 HaLt-Standorte. 16 weitere sind im Aufbau, darunter auch Uelzen“, erklärt Katharina Fischer von der Niedersächsischen Fachstelle für Suchtfragen.

Dieses Programm auch für Uelzen zu installieren, war naheliegend: Denn laut Landesamt für Statistik steht der Kreis beim so genannten „Komasaufen“ 15- bis 20-Jähriger gemessen an der Einwohnerzahl landesweit auf Platz zwei. Die Kosten für die Umsetzung des Projektes zahlt der Landkreis aus Jugendhilfemitteln.

Wenn, wie fast an jedem Wochenende, ein Minderjähriger auf der Kinderstation am nächsten Vormittag langsam nüchtern wird, hat das Personal bereits Sandra Sommer von der Drogenberatungsstelle Drops oder Anja Schmidt-Huth von der Fachstelle Sucht des Diakonischen Werkes in Uelzen informiert, die abwechselnd an den Sonnabenden und Sonntagen in Bereitschaft stehen.

„Wenn wir so zeitnah reagieren, sind wir noch einen Schritt näher dran an den Betroffenen, weil dieser noch unter dem Eindruck der akuten Situation steht“, schildert Sandra Sommer. Wenn die Mitarbeiterinnen mit den Jugendlichen alleine sind, haben diese Gelegenheit, den Vorgang zu reflektieren, sich Gedanken über ihr Verhalten zu machen. „Wir sind nicht die Polizei und nicht die Eltern. Wir belehren nicht, sondern hören zu und geben Ratschläge“, erläutert Schmidt-Huth. Dieses sich „ausquatschen können“ werde intensiv genutzt, weiß Geerken aus diversen Erfahrungen auch seiner Mitarbeiter: „Wenn jemand von uns am Bett steht, bricht es aus manchen geradezu heraus, die hören gar nicht mehr auf zu reden.“

Doch es bleibt nicht beim Zuhören, mit den Betroffenen wird besprochen, wie man mit einer solchen Situation umgeht, wie man sich beim nächsten Mal verhalten sollte.

Arbeit dürfte auf Sandra Sommer und Anja Schmidt-Huth jedenfalls reichlich zukommen. Denn bis zu 50 Kinder und Jugendliche jährlich werden allein wegen ihrer Volltrunkenheit ins Uelzener Klinikum eingeliefert. Dazu kommen zahlreiche Fälle, die in der Alkoholstatistik nicht erfasst sind, sondern als Verletzte gelten – weil sie sich volltrunken am Stacheldraht das halbe Ohr aufgerissen oder bei einem Sturz Brüche zugezogen haben.

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