Jugendherberge Uelzen spürt Folgen des Klassenfahrten-Boykotts der Lehrer

500 Absagen auf einmal

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Die Jugendherberge Uelzen putzt sich für ihre Besucher heraus. Doch der Klassenfahrten-Boykott niedersächsischer Lehrer führt dazu, dass viele Übernachtungen storniert werden.

Uelzen. Der Klassenfahrten-Boykott, mit dem sich niedersächsische Gymnasiallehrer gegen die vom Land beschlossene Mehrarbeit wehren (die AZ berichtete), hat nun auch die Uelzener Jugendherberge erreicht.

„In der vergangenen Woche hat eine Schule aus Neustadt am Rübenberge gleich 500 Übernachtungen bei uns storniert“, berichtet Daniela Ernst, Leiterin der Jugendherberge, auf AZ-Anfrage. Eigentlich hatte die gesamte Schule im Oktober eine Woche lang in Uelzen übernachten wollen, doch diese Buchung fällt nun weg.

„Für uns ist das eine Menge“, gibt Ernst zu. Pro Jahr zählt die Uelzener Jugendherberge etwa 16 000 Übernachtungen. Weitere Absagen von Klassenfahrten habe es aber nicht gegeben. „Ich hoffe, dass es dabei bleibt und nicht so weitergeht“, sagt die Herbergsleiterin. Auf die Umsatzzahlen werde sich die Stornierung der 500 Übernachtungen ohne Frage auswirken. „Wenn unser Haus leer ist, passiert gar nichts, doch die Fixkosten bleiben“, erläutert sie. Zum Glück habe die Jugendherberge auch viele Gäste aus Hamburg, wo es derzeit keinen Klassenfahrten-Boykott gebe.

In der aktuellen Auseinandersetzung zwischen den Lehrern und dem Land Niedersachsen sitze die Uelzener Jugendherberge sprichwörtlich zwischen den Stühlen, erklärt Ernst. „Für die Schüler sind die Absagen natürlich sehr schade, weil sie sich auf Klassenfahrten ganz anders als im Schulalltag kennenlernen können.“ Der Streit werde somit auf dem Rücken der Schüler ausgetragen. Andererseits habe sie Verständnis für die Belange der Lehrer, die über die angeordnete Mehrarbeit erbost seien. „Ich will mich deshalb nicht auf eine Seite schlagen“, betont Ernst.

Auch andere Jugendherbergen im Land verzeichnen zurzeit vermehrt Absagen von Klassenfahrten. Diese machten knapp die Hälfte aller Übernachtungen in den niedersächsischen Jugendherbergen aus, schildert Bernd Dohn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks. „Bislang sind rund 15 000 Übernachtungen storniert worden. Dies entspricht bereits jetzt dem jährlichen Umfang einer kleinen ländlichen Jugendherberge.“

Mit ihren pädagogischen Angeboten böten die Herbergen die Chance, Erziehungs- und Bildungsziele zu fördern, sagt Dohn. Für das sozial-kognitive Lernen hätten Klassenfahrten zudem eine große Bedeutung. „Ein Aspekt des Lernens, der in Folge der Pisa-Diskussionen ohnehin zu kurz kommt“, bedauert er. „Den betroffenen Klassen in den niedersächsischen Gymnasien bleibt diese Lernerfahrung versagt.“

Von Bernd Schossadowski und Paul Gerlach

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