Johannes Kneifel über die Jahre im Knast

Vom Ex-Skinhead zum Theologen

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Wuchs als Rechtsradikaler heran und fand im Gefängnis neue Orientierung: Johannes Kneifel (links) berichtete im Gespräch mit Pastor Rainer Döllefeld in der Friedenskirche aus seinem Leben.

Uelzen. Adrettes Hemd, schwarz polierte Straßenschuhe – es fällt schwer, sich den jungen Mann als Skinhead vorzustellen. Doch Johannes Kneifel gehörte seit etwa seinem 13. Lebensjahr der Skinhead-Szene an.

Beim offenen Jugendabend der Friedenskirche Uelzen erzählte er aus seinem Leben, das er in seiner Autobiografie aufgeschrieben hat. Dass er ein Menschenleben auf dem Gewissen hat und während seiner fünfjährigen Haftstrafe in der Jugendstrafanstalt als Gefahr für die Mitinsassen galt, beschreibt er glaubwürdig den Anwesenden. „Vom Saulus zum Paulus“ heißt das Buch, in dem geschildert wird, wie er als „Totschläger“ bekannt wurde, weil er als 17-Jähriger den Tod von Peter Deutschmann 1999 in Eschede verschuldet haben soll, auf den er mit „rechtsradikalem Hass“ einschlug. Nun steht Kneifel kurz vor dem Abschluss seines Theologiestudiums. „Mit Gott“ fand er den Weg zurück in die Gesellschaft, sagt der, der als „Abtrünniger“ schon in frühester Jugend gesellschaftlichen Konventionen trotzte und sich einer schweren Straftat schuldig machte. Die Gesellschaft hatte ihn schon mehrfach abgeschrieben – einmal, als er zu fünf Jahren Jugendstrafe verurteilt wurde, und ein weiteres Mal, als man ihm mitteilte, dass er nach seiner Entlassung mit einer Sicherungsverwahrung rechnen müsse.

en zum Trotze habe er während seiner Haftzeit keines der zahlreichen Therapieangebote genutzt, galt gar als „untherapierbar“. „Im Knast gelten harte Regeln“, berichtet er im Interview mit Pastor Rainer Döllefeld aus seiner Haftzeit, „da musst du kräftig zuschlagen können, wenn du nicht Opfer werden willst“.

Er sei als Rassist dem Gefängnis zugeführt worden, erzählt er, wurde jedoch von rechtsradikalen Insassen geächtet. „Weil deren Menschenbild von Ausgrenzungs-Strategien bestimmt ist“, sei gar nicht erst ein Kontakt zustande gekommen, sagt er. „Gute Erfahrungen“ mit ausländischen Inhaftierten korrigierten sein zu dieser Zeit noch sehr eingeschränktes Weltbild.

In Uelzen, keine 25 Kilometer vom damaligen Tatort entfernt, wollen die Jugendlichen heute wissen, wie er zum NPD-Verbot steht, wie er mit der Schuld umgeht, warum er Skinhead wurde und wie seine früheren „Freunde“ heute mit ihm umgehen.

Er habe sich als Kind am Rand der Gesellschaft gefühlt – seine Mutter schwer krank, sein Vater arbeitslos – und im Kreis der rechtsradikalen Szene im Umfeld vermeintlicher Stärke seine neue Orientierung gefunden. Auf der Suche nach neuen Werten machte er im Knast erste Erfahrungen mit den Christen, die ihn nicht ausgrenzten, sondern ihm mit Vertrauen und Liebe begegneten. „So will ich auch sein“, dachte er damals und fand neue Werte, die ihm Orientierung gaben. Und es wirkt keineswegs befremdlich, wenn Kneifel vor den Jugendlichen in der Friedenskirche von den Grundzügen der Meinungsfreiheit und Demokratie spricht, wie er sie heute versteht. Es sei nicht nicht so einfach, wie das Weltbild, das ihm die Skinheads beigebracht haben, aber wertvoller, „man muss schon ein wenig mehr nachdenken“, sagt er mit Überzeugung.

Von Angelika Jansen

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