Islamwissenschaftlerin Dr. Gundula Krüger im AZ-Interview über Muslime in Deutschland und den IS

Islam-Aufklärung beginnt im Kindergarten

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Dr. Gundula Krüger weiß, was im Koran geschrieben steht und auch, welche verschiedenen Deutungen existieren.

Uelzen. Sie kennt den Koran wie kaum jemand anderes: Die Uelzenerin Dr. Gundula Krüger ist als Islam- und Religionswissenschaftlerin derzeit deutschlandweit gefragt. In Vorträgen und Seminaren klärt die freiberufliche Dozentin über die Weltreligion Islam auf.

Wie sich diese von radikal-islamischen Strömungen abgrenzt, warum sich junge Menschen der Terrorgruppe IS anschließen und warum Aufklärungsarbeit ihrer Ansicht nach bereits im Kindergarten beginnen sollte, verrät die Expertin im Gespräch mit AZ-Volontärin Anna Petersen.

Auszug aus dem Interview

Frau Dr. Krüger, beim Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo sind zwölf Menschen ums Leben gekommen. In Braunschweig wurde der Karnevalsumzug wegen einer Terrorwarnung abgesagt. Was lösen solche Meldungen in Ihnen aus?

Im Fall Charlie Hebdo war es erst einmal pures Entsetzen. Da spielt ein ganz anderes Verständnis von Meinungsfreiheit eine Rolle, als wir es kennen. Viele Muslime fühlen sich durch diese Karikaturen so stark persönlich angegriffen, dass sie meinen, sich dagegen zur Wehr setzen zu müssen. Es gibt durchaus Zeichnungen vom Propheten in der muslimischen Welt, Miniaturmalereien, aber mit Karikaturen von ihm tun sich viele Muslime unheimlich schwer. Das mindert aber mein Entsetzen nicht. Und was den Kölner Karnevalsumzug betrifft, war ich ein extremer Gegner davon, den ursprünglich geplanten Wagen zu Charlie Hebdo zu entschärfen.

Unstrittig ist, dass es sich um religiös motivierte Taten handelt. Gibt es im Islam einen speziellen Keim der Gewalt, oder wird der Terror zu Unrecht auf die Theologie reduziert?

Also es gibt im Koran mehrere Verse zum Dschihad...

Dem „Heiligen Krieg“ gegen die Ungläubigen?

Ja, aber dahinter steht eigentlich viel mehr als das. In der Theologie haben sich ein großer und ein kleiner Dschihad entwickelt. Der kleine, auf den sich die Islamisten beziehen, ist der Verteidigungs- oder Angriffskrieg. In der meisten Zeit der Jahrhunderte war das das Instrument, um sich gegen christliche, mongolische Einwanderer zu verteidigen. Der große Dschihad ist aber der viel wichtigere: der des Herzens und des Bestrebens, anderen etwas Gutes zu tun. Islamistische Gruppen wie Al-Qaida und Islamischer Staat (IS) beziehen sich auf den militärischen Dschihad. Dazu gibt es nur wenige Verse im Koran. Diese extremistischen Gruppierungen übersehen, dass es für den militärischen Dschihad zu Zeiten des Propheten Muhammad historische Hintergründe gab. Diese Verse galten einst nur vor einem ganz konkreten Hintergrund, für eine ganz bestimmte Gruppe zu einer ganz bestimmten Zeit, und der Prophet musste als politischer, religiöser und militärischer Leiter der islamischen Gemeinde den Dschihad ausrufen. Das heißt, die Verse zum Dschihad waren zielgerichtet, nur für das siebte Jahrhundert gültig und gelten heute als aufgehoben. Sie zielten nicht auf die Zerstörung eines ganzen Volkes ab, sondern auf einzelne Stämme, die dem Propheten hätten gefährlich werden können. Die extremistischen Gruppen aber nehmen die Verse und beziehen sie einfach auf die heutige Zeit, ohne den Anhängern ihre Hintergründe zu erklären.

Was sagt der Koran zum Umgang mit Minderheiten und zu den Rechten von Frauen?

Bei den Rechten der Minderheiten ist es ähnlich wie beim Dschihad. Es gibt sehr viele friedvolle Verse, die besagen: ,Juden und Christen sind eure Brüder im Glauben und Leute der Schrift’. Doch dann gibt es wiederum auch Verse, die im Kern die Ansicht des Propheten Mohammed transportieren, Juden seien vertragsbrüchig geworden, weil sie ihn nicht als Propheten anerkannt haben, und Christen hätten ihre heilige Schrift verfälscht, weil Vertreter der Trinitätslehre aus Gott Vater Sohn und Heiligen Geist machten. Das lehnt der Islam ab. Er sagt: Gott ist nur ein einziger.

Und die Frauen?

Es herrscht noch immer Ungleichgewicht. Ein Beispiel: Seit den 1960ern haben Frauen verbesserte Möglichkeiten sich scheiden zu lassen, aber sie brauchen – anders als Männer – Gründe dazu. Fehlende Liebe ist kein anerkannter Scheidungsgrund. Übrigens: Die Verhüllungsgebote gelten streng genommen nur für die Ehefrauen des Propheten. Wissenschaftlich gesehen ist es so, dass es im Islam kein generelles Schleiergebot gibt, sondern nur das Verbot super-sexy gekleidet zu sein, um Männer nicht vom rechten Weg abzubringen.

Das sind Themen, an denen sich Pegida-Anhänger stoßen. Im Kern fürchten Sie die schleichende Islamisierung. Können Sie das nachvollziehen? 

Nein, das kann ich noch nicht einmal ansatzweise. Ich finde die Diskussion im Augenblick verheerend. Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak kommen schließlich nicht her, um uns zu islamisieren, sondern weil sie keine andere Möglichkeit mehr sehen, sich und ihre Familien zu schützen. Wir sind über 83 Millionen Menschen in Deutschland, davon sind rund 4,2 Millionen Muslime. Davon wiederum sind zirka 33 000 Muslime, die den Sicherheitsbehörden hierzulande Sorgen machen, weil sie extremistische Gruppen unterstützen. Offiziell gelten etwa 800 bis 1000 als sogenannte Gefährder. Das heißt im Umkehrschluss: Die absolute Mehrheit der Muslime ist in Deutschland integriert und stellt keinerlei Sicherheitsrisiko dar.

Wie groß ist die Bedrohung, die von radikal-islamischen Strömungen ausgeht? 

Ich glaube, momentan geht die größte Gefahr nicht von festen Gruppen aus, sondern von Einzeltätern. Wenn Sie an die Anschläge in Brüssel, Kopenhagen, Kanada und viele weitere denken, dann standen dahinter immer Einzeltäter oder maximal zwei bis drei Personen, die zwar sagen: ,Wir agieren wie der IS’, aber dafür nicht zwangsläufig Kontakt zu der Terrorgruppe gehabt haben müssen, geschweige denn dort ausgebildet wurden. Sie können sich nur mit den gleichen Zielen identifizieren. Von den Rückkehrern aus den Kämpfen im Nahen Osten geht vermutlich eine erhebliche Gefahr aus. Einige sind schlicht desillusioniert, weil sie sich das Leben dort ganz anders vorgestellt haben. Sie waren vielleicht schon für Selbstmordattentate eingeteilt, wollten das aber eventuell gar nicht. Hauptziel vieler IS-Aktivisten ist es, einen Islamischen Staat aufzubauen. Wer aber in Syrien und Irak für die Rekrutierung neuer Kämpfer gearbeitet hat, könnte hier versuchen, bestehende Organisationen zu radikalisieren. Davon geht definitiv Gefahr aus.

Meistens sind es junge Menschen, die sich hierzulande der Terrorgruppe IS anschließen. Woher kommt die Bereitschaft dazu?

Angesprochen fühlen sich junge Menschen zwischen 14 und maximal 30 Jahren, oft die Enkelgeneration der nach Deutschland einwanderten Muslime. Die Großeltern haben hier gearbeitet, die eigenen Eltern haben sich hier integriert, aber ihre Kinder fühlen sich weder hier noch in den Heimatländern ihrer Eltern zuhause. Sie sind zerrissen und tun dasselbe wie alle Jugendlichen in der Pubertät: Sie grenzen sich von den Eltern ab und deren vielleicht nicht mehr ganz so stark islamisch geprägten Lebensweise. Und nun kommt ein junger Redner aus der extremistischen Szene und erklärt diesen jungen Menschen, was seiner Auffassung nach wirklich der Islam ist. Wer keine gute religiöse Ausbildung erhalten hat, weiß dann nicht, was der Glaube wirklich von ihm verlangt.

In Niedersachsen wird der Islam-Unterricht zum Regelfach ausgebaut. Reicht das? 

Diesen Schritt halte ich für absolut richtig. Wichtig ist, dass sich der Unterricht speziell an Muslime richtet, wir also von bekenntnisorientiertem Unterricht sprechen. Ich denke sogar, man muss noch früher ansetzen: Es gibt Untersuchungen aus dem Raum Frankfurt, wo Kinder eingeschult wurden, die zum Teil nicht auf die deutsche Frage ,Wie heißt du?’ antworten konnten, weil sie zu Hause nur türkisch oder arabisch gesprochen haben. Also müsste man schon im Kindergarten mit dem zweisprachigen Unterricht anfangen. Das heißt aber auch, dass wir bilinguale Erzieher benötigen. Und dann folgt die Frage: Wie kriegt man die Mütter dazu, ihre Kinder in eine Kita zu bringen?

Wie kann das funktionieren?

In einigen Großstädten werden dafür Sozialarbeiter eingesetzt, oft Muttersprachler. Sie versuchen die Familien von solchen Angeboten zu überzeugen. Schwierig ist es bei Familien, die aus entlegenen Gebieten mit eingeschränkten Ausbildungsmöglichkeiten nach Deutschland gekommen sind oder auch Familien, in denen es kein Bildungsvorbild gibt. Sie führen ihr Leben hier weiter, wie sie es in ihrer Heimat gelernt haben. Diese Menschen muss man erreichen.

Was kann eine Kommune wie Uelzen tun, um solche Probleme anzupacken? 

Ich glaube, man müsste viel mehr Aufklärungsarbeit an Schulen und Kindergärten leisten – auch bei Religionslehrern. Wobei ich sagen muss: Es ist hier in Uelzen meines Wissens nach nie zu Problemen gekommen.

„Der Islam gehört zu Deutschland.“ Mit diesem Satz hat Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einiger Zeit eine heftige Diskussion losgetreten. Wie könnte ein deutscher Islam aussehen? 

In Deutschland leben sehr viele liberale Muslime, die sich von der sehr strengen islamischen Normenlehre, der Scharia, verabschieden – die die rigiden Körper-Strafen ablehnen, die für Demokratie, Menschenrechte und Wahlen eintreten. Das ist die Mehrheit der Muslime hier, und das unterscheidet sie von vielen anderen Muslimen in ihren Heimatländern. Ein europäischer Islam hieße, den Einfluss des Islam auf Recht, Politik und öffentliches Leben zurückzufahren – wie das aber schon in vielen islamischen Ländern mehr und mehr geschieht. Sich den Gegebenheiten in einem fremden Land anzupassen ist übrigens auch ein Grundsatz im islamischen Recht: Wer woanders lebt, sollte die Formen des dort geltenden Rechtes und auch die Kleidungsform annehmen. Wenn mich also das Kopftuch von der Mehrheit der Gesellschaft trennt und ich als Muslima dadurch Probleme habe, sagt die islamische Normenlehre: ,Lass es mit dem Kopftuch. Du willst dort leben, also passe dich den Gegebenheiten an’. Das wissen aber viele Muslime nicht.

Von Anna Petersen

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