Irrfahrt der Rettungsdienste

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Schwerer Verkehrsunfall bei Holdenstedt: Erst nach mehr als einer halben Stunde konnten Einsatzkräfte den eingeklemmten Fahrer versorgen.

Uelzen - Von Thomas Mitzlaff. Ein ausgeklügeltes Computersystem unterstützt die Beamten, fehlende Ortskenntnisse seien deshalb kein Problem – so hieß es im Oktober bei der Polizeidirektion, als der Notruf 110 weg von der Uelzener Wache und hin zur Leitstelle Lüneburg mit dem Namen „Luna“ umgeleitet wurde.

Doch das neue System ist offenbar mit Mängeln behaftet – gestern hätte dieser Umstand einem Menschen auf der Bundesstraße 4 das Leben kosten können. Denn er musste über 30 Minuten schwer verletzt und einklemmt in seinem Fahrzeugwrack bei minus sieben Grad ausharren, weil Rettungskräfte, Feuerwehr und Notarzt von der Leitstelle Luna auf eine Irrfahrt geschickt wurden. Der 26-jährige Fahrer des Klein-Lkw war gestern gegen 10.45 Uhr bei einem Überholmanöver bei Holdenstedt auf der schneeglatten Bundesstraße 4 von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Ein Autofahrer wählte den Notruf 110. Und damit begann für die Rettungsdienste eine 30-minütige Odyssee.

Die Lüneburger Leitstelle Luna informierte die für das Rettungswesen und die Feuerwehren zuständige Einsatzleitstelle im Uelzener Kreishaus und teilte richtigerweise mit, dass sich zwischen Holdenstedt und Suderburger Kreisel auf der B 4 ein schwerer Unfall mit eingeklemmter Person ereignete habe. Wenig später dann die Korrektur von Luna: Der Unfall sei zwischen Kirchweyhe und Tätendorf-Eppensen. Ein Dutzend Feuerwehr- und Rettungsdienstfahrzeuge rasen auf schneeglatter Straße in nördlicher Richtung, doch sie finden keinen Unfall. Minuten später dann eine erneute Korrektur aus Lüneburg: Der Unfallort befinde sich doch bei Holdenstedt.

Währenddessen harrt der unter Schock stehende, schwer verletzte Lkw-Fahrer weiter eingeklemmt im Wrack aus. Glück im Unglück: Zufällig kommt ein Rettungswagen aus Celle an der Unfallstelle vorbei und übernimmt die Erstversorgung. Denn die weiteren 30 Minuten bis zum Eintreffen der alarmierten Rettungskräfte hätten fatale gesundheitliche Folgen haben können.

Bei der Polizeidirektion Lüneburg zeigte man sich gestern betroffen über den Vorfall: „Das ist ein Fehler, der nicht passieren darf“, betonte Sprecherin Wiebke Timmermann. Ein Fehler im Computersystem habe für Verwirrung beim Beamten gesorgt, der den Notruf entgegen nahm. Der ortsunkundige Anrufer hatte auf einer Tafel am Leitpfosten die Ziffern abgelesen, um seine genaue Position zu erklären. „Das erste System hat daraufhin richtigerweise den Unfallort bei Holdenstedt signalisiert, dann hat aber ein anderes System mehrere verschiedene mögliche Unfallorte angezeigt“, erklärt Timmermann.

Der Beamte habe schließlich jenen Ort ausgeswählt, den er aufgrund des Notrufgesprächs für den wahrscheinlichsten hielt – leider sei es der falsche gewesen, nämlich der bei Tätendorf. „Das hat dem Kollegen keine Ruhe gelassen und er hat sein Problem der IT-Abteilung geschildert“, so Timmermann weiter. Dort habe man dann den richtigen Unfallort ausfindig machen können, daraufhin seien die Rettungsdienste wieder in die Gegenrichtung geschickt worden.

Zum Verhängnis geworden ist dem Computersystem dabei der Umstand, dass derzeit die Fernstraßen umkartiert werden von Kilometer-Abschnitten in Bereichs-Abschnitte. „Diese neuen Kartierungen müssen von Hand in unser System eingespeist werden und das ist für die Bundesstraße 4 noch nicht geschehen“, so die Polizeisprecherin.

Polizeiintern war schon vor Monaten die Umleitung des Notrufes nach Lüneburg kritisiert worden, weil die dort sitzenden bei Luna nichts ortskundig seien. Die Einsatzkräfte sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt: Die Ortsangaben von Luna seien immer wieder ungenau, man habe schon bei einem halben Dutzend Einsätzen dadurch wertvolle Zeit verloren, heißt es in Kreisen der Feuerwehr.

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