Fahrlehrer sehen verschiedene Gründe für hohe Durchfallquote bei Führerscheinprüfungen

Die Irrfahrt durch Uelzens Schilderwald

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Einige schwarze Schafe sieht Joachim Hess unter den Uelzener Fahrschulen. Gerade bei günstigen Angeboten sei Obacht geboten. Durchschnittlich 35 bis 40 Fahrstunden sollte ein Fahrschüler durchschnittlich vor der Prüfung absolvieren.

Uelzen. „Vor dem zweiten Mal habe ich panische Angst“, sagt Julia S. (Name von der Redaktion geändert).

Vor wenigen Tagen war ihre erste praktische Fahrprüfung – sie ist durchgefallen und damit nicht allein: 2014 wurden 24,8 Prozent der Pkw-Fahrprüfungen in Niedersachsen nicht bestanden. 2007 waren es noch 22,3 Prozent.

Im Landkreis Uelzen schätzt Joachim Hess, Vorsitzender des Fahrlehrerverbandes, die Quote auf 15 bis 45 Prozent – je nach Fahrschule. Die Werte, so sagt er, seien seit Jahrzehnten konstant gestiegen. Bei Julia S. war es nur eine einfache Wendeaufgabe, an der sie scheiterte, doch die Gründe der hohen Quote seien wesentlich grundlegender, sagt ihr Fahrlehrer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Aufgrund des Begleiteten Fahrens ab 17 (BF17) machen viele Jugendliche die Prüfung schon mit 16 Jahren“, sagt Julias Fahrlehrer. Dann seien die Schüler noch nicht reif und vor der Prüfungssituation wesentlich aufgeregter – die Nerven spielten verrückt.

Ein weiterer Grund: die Ganztagsschulen. „Nach acht Stunden Unterricht ist der Kopf einfach zu, dann können sich die Schüler nicht auch noch auf das Autofahren konzentrieren.“ Am problematischsten sei allerdings etwas anderes: die Informationsdichte im Straßenverkehr. Überflüssige Schilder, unverständliche Vorfahrtsregelungen mit abgesenktem Bordstein und entfernte Fahrbahnmarkierungen, die sich langsam wieder ihren Weg durch die Fahrbahnoberfläche suchen, irritierten die Fahrschüler. Uelzens neuralgische Punkte? „Ganz klar die Rathauskreuzung“, so Julias Fahrlehrer. Hier hielten sich nur wenige Fahrer an die Regeln. Auch die Schillerstraße bereite Probleme: „Dort liegen so viele Führerscheine, das geht auf keine Kuhhaut.“

Joachim Hess geht dieses Problem an und setzt sich jedes Jahr mit den zuständigen Personen zusammen, um solche Stellen zu vermeiden, aber: „Unübersichtliche Stellen gibt es im Straßenverkehr regelmäßig, auch damit müssen die Schüler zurechtkommen.“ Deswegen sei es auch nicht gut, jedes überflüssige Schild abzubauen. Er sieht noch einen anderen Grund für die Durchfallquote: „Unter den Uelzener Fahrschulen gibt es schwarze Schafe.“ So seien die pädagogischen Anforderungen an Fahrlehrer deutlich gestiegen, die Qualifikation der Fahrlehrer allerdings konstant geblieben. „Es gibt Konkurrenzdruck bei den Fahrschulen, deswegen versprechen sie den Schülern einen geringen Preis.“ Doch gerade bei auf den ersten Blick günstigen Fahrschulen sei es häufig der Fall, dass die Fahrlehrer den Schülern nur wenige Stunden anbieten, damit die Preisversprechungen eingehalten werden können. „Dann fallen die Schüler meistens durch die erste Prüfung“, sagt Hess. Den Aspekt der aufgeregteren BF17-Teilnehmer sieht Hess nicht gegeben: „Die sind noch motivierter als die Älteren“, meint er.

In einem Punkt sind sich Julias Fahrlehrer und Joachim Hess einig: Dem TÜV sei nichts vorzuwerfen, die Prüfungen seien zwar anspruchsvoller als noch vor Jahren, allerdings sei das dem komplexeren Straßenverkehr auch angemessen.

Von Jon Matz

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