Von Woche zu Woche

Das Internet vergisst kein Bild

Es waren dramatische 36 Stunden, von denen nur die „Hauptperson“ nicht im Ansatz ahnte, wie gefährlich sie waren – der zehnjährige Junge, der von Zuhause ausgebüxt war und sich einem „älteren Freund“ anvertraut hatte.

Nach zwei Tagen fand die Polizei die beiden; der Zehnjährige war offenbar unversehrt. Und bei dem „Onkel“ handelte es sich tatsächlich um einen wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Mann.

AZ-Chefredakteur Thomas Mitzlaff

Nun ist es zu dem schlimmsten Szenario offenbar und hoffentlich nicht gekommen. Und bei der Polizei wird man in diesen Tagen sorgfältig auswerten, warum der Junge letztlich relativ schnell wieder aufgegriffen wurde – und dass dies nicht der eigenen Ermittlungsarbeit, sondern einem sozialen Netzwerk zu verdanken ist, in dem die Suchmeldung zig tausendfach verbreitet wurde, ein Nutzer den Jungen deshalb erkannte und dieser in Begleitung des Straftäters aufgegriffen wurde.

Und so wird dieser Fall auch noch zu einem Musterbeispiel dafür, wie dicht Fluch und Segen bei der Verbreitung von Nachrichten im Internet beieinander liegen. Denn – und natürlich ist das ohne Einschränkung das Wichtigste – der Junge wurde wiedergefunden. Und das sorgt für große Erleichterung.

Wahrscheinlich können alle Betroffenen auch noch mit der Konsequenz leben, dass in den Folgetagen in diversen Foren leidenschaftlich diskutiert wurde, ob es richtig ist, dass der Junge jetzt in der Obhut des Jugendamtes ist – ohne zu wissen, welchen Hintergrund das Weglaufen des Jungen tatsächlich hatte. Das Suchen von Sündenböcken (in diesem Fall Polizei und Presse), die Heroisierung der Familie, die den Aufruf gestartet hatte – diese Schwarz-Weiß-Debatte bei völliger Ahnungslosigkeit ist typisch für das Netz; aber das muss man manchmal eben in Kauf nehmen.

Eine Konsequenz, von der man aber noch nicht weiß, ob man künftig mit ihr umgehen kann, ist der Umstand, dass das Foto des Jungen jetzt in der Welt ist. Die Polizei hat es nicht veröffentlicht, die Medien auch nicht – sondern die Mutter bei Facebook. Und man darf wohl unterstellen, dass sie die Tragweite dieser Entscheidung nicht einmal im Ansatz geahnt hat.

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Denn das Bild des Zehnjährigen ist mittlerweile millionenfach verbreitet worden, auf einschlägigen Foren in der ganzen Welt. Schon am ersten Tag gingen entsprechende Reaktionen aus Frankreich und Belgien, England und auch den USA ein. Wer einmal so öffentlich präsentiert wurde, muss damit für Jahrzehnte klarkommen, denn das Netz vergisst nichts.

Und so bleibt, bei aller Erleichterung über den wohl guten Ausgang dieses Vorfalls, eine Frage im Raum: Ob manche in diesem Fall zu viel und andere zu wenig getan haben.

Von Thomas Mitzlaff

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