Nach den tödlichen Badeunfällen – Eltern sind beim Schwimmenlernen gefordert

Immer mehr stehen nur am Rand

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Aller Anfang ist schwer: Der fünfjährige Robert Schwarzkopf lernt mit Schwimmgürtel und Poolnudel den Bewegungsablauf beim Brustschwimmen.

Uelzen. „Arme – Beine – Arme – Beine... die Hände bleiben unter Wasser. “ Nele Fischer erklärt ihren sechs Schützlingen, worauf es beim Brustschwimmen ankommt.

Die mühen sich gerade mit Schwimmgürtel und „Poolnudel“ durch das Becken im Badue, zwischen kleineren Korrekturen gibt es auch immer wieder Lob von der Schwimmlehrerin.

Es ist einer von fünf Anfängerkursen, die der Uelzener Bäderbetrieb derzeit parallel anbietet. Ihre Teilnehmer – bis zu acht Kinder pro Schulung – werden am Ende das Schwimmabzeichen „Seepferdchen“ ihr Eigen nennen können. Und wenn sie auch danach am (Wasser-) Ball bleiben, werden aus ihnen bestimmt einmal gute und sichere Schwimmer.

Ganz im Gegensatz zu immer mehr anderen Uelzenern: Bereits im Jahr 2004 ergab eine Studie im Auftrag der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), dass rund ein Viertel der Deutschen nur schlecht oder gar nicht schwimmen können. Ein Ergebnis, dessen Tendenz sich nach Einschätzung von Thomas Meyer seither nicht verbessert hat: „Eher sind noch mehr Erwachsene hinzugekommen, die nicht schwimmen können“, meint der Schwimmmeister.

Meyer, der das Badue gerade vertretungsweise leitet, macht seine Einschätzung vor allem an Schulklassen fest: „In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Schüler, die sich nur im Nichtschwimmerbecken aufhalten können oder besonderer Förderung im Schwimmunterricht bedürfen, deutlich gestiegen.“ Ein Eindruck, der in Gesprächen mit Kollegen und Lehrern bestätigt werden würde.

Die Ursache für dieses Phänomen liegt nach Einschätzung von Dominik Wolf darin, dass immer mehr Eltern ihre Kinder zu spät oder überhaupt nicht in Schwimmkurse schickten. „Da verlassen sich viele auf den Schwimmunterricht in Schulen, doch die können das gar nicht leisten“, so der Meister für Bäderbetriebe in der Samtgemeinde Bevensen-Ebstorf. Doch auch mit dem einmaligen Besuch eines Schwimmkurses sei es nicht getan: „Auch hier sieht man immer deutliche Unterschiede zwischen Kindern, die schon früher an das Schwimmen herangeführt wurden und denjenigen, bei denen das nicht der Fall war“, erklärt Wolf. Motorik und Körpergefühl seien bei Letzteren nicht so ausgeprägt, das Bewegen im Element Wasser noch sehr fremd.

„Die Eltern sind hier gefordert“, meint Wolf. Richtige Schwimmkurse werden in der Regel erst für Kinder ab fünf Jahren angeboten, weil dann die körperlichen und geistigen Voraussetzungen – Koordination, Kondition und Aufnahmefähigkeit – gegeben sind, ihnen das Schwimmen in einer überschaubaren Zeit beibringen zu können. Ein anderes Konzept hat in dieser Hinsicht Heiko Förstel: „Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, Kindern bereits ab vier Jahren das Schwimmen beizubringen“, erklärt der Schwimmschulen-Inhaber. Es stimme zwar, dass durch die Defizite in der Körperkoordination die ein oder andere Kursstunde mehr nötig wäre, dafür ließen sich aber kleine technische Fehler noch wesentlich leichter korrigieren.

Die Gewöhnung an das nasse Element – darin sind sich alle drei Schwimmexperten einig – kann und sollte auch schon vor dem „Seepferdchen-Kurs“ erfolgen, entweder in Form von Babyschwimm- und Wassergewöhnungskursen oder eben über die Eltern.

Diese sind auch im Anschluss an einen Schwimmkurs dafür zuständig, dass sich das Gelernte beim Nachwuchs festigt: „Es gibt auch Fälle, da kommen Kinder nach einem Jahr wieder zum Anfängerkurs, müssen ihn noch mal absolvieren, haben sogar Hemmungen vor dem Wasser“, weiß Wolf zu berichten. Sechs bis acht Kurse bietet das Rosenbad in Bad Bevensen in der Sommersaison an. Wie auch im Badue sind sie stets ausgebucht. Gerade Kurzentschlossene müssen daher zum Teil Wartezeiten in Kauf nehmen, weil die Bäder die Nachfrage nicht immer unmittelbar abdecken können. Die Kapazitäten sind begrenzt – räumlich wie auch personell. Letzteres hänge damit zusammen, dass gespart werden muss. Ohnehin sei jedes Bad ein Zuschussbetrieb, weil man rote Zahlen schreibe, wie Meyer und Wolf gleichermaßen anführen.

Der Kurs von Nele Fischer setzt sich diesmal aus je drei Jungen und Mädchen zusammen. Die Mädchen scheinen bei der Fortbewegung im Wasser schon etwas geübter zu sein, sie lassen nach einigen Bahnen die Poolnudel bereits am Beckenrand liegen. Das verwundert Meyer nicht: „Was die motorischen Fähigkeiten angeht, hinken die Jungen im Vergleich etwa ein halbes Jahr in der Entwicklung hinterher.“

Von Karsten Tenbrink

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