Ein Jahr Ortsumgehung – die AZ fragt: Wie lebt es sich heute im Dorf?

Zur Ortsumgehung Kirchweyhe: „Ich will nie wieder tauschen“

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Der Kirchweyher Jürgen Denzel, mit Enkelin Malea, berichtet von täglichen Irrfahrten von Fernfahrern. Sie halten sich nicht an die Ausschilderung am Kreisel

Uelzen-Kirchweyhe. Wolfgang Nitsche hat einen kleinen Spaziergang unternommen. Die Beine wollen nicht mehr so. Den Rollator vor sich herschiebend geht es gemächlich für den 79-Jährigen auf dem Bürgersteig an der Ortsdurchfahrt von Kirchweyhe wieder nach Hause.

Gestern musste beispielsweise ein Lkw drehen und versperrte die Ortsdurchfahrt. Fotos: Reuter

Beeilen muss er sich nicht, der Verkehr auf der Straße ist überschaubar. „Früher war das ganz anders“, sagt er. Wenn Nitsche von „früher“ spricht, dann meint er die Zeit vor dem Bau der Ortsumgehung von Kirchweyhe. Morgen vor genau einem Jahr wurde sie für den Verkehr frei gegeben. Seitdem ist mehr Ruhe in den Ort eingekehrt – aber der Verkehr bereitet auch zwölf Monate nach der Eröffnung der Ortsumgehung noch Probleme.

Bis zu 17 000 Fahrzeuge, darunter 4000 Lkw, durchquerten auf der B 4 bis zum 14. Mai 2014 täglich Kirchweyhe. 17 Jahre kämpften die Einwohner, unter anderem in einer Bürgerinitiative, dafür, dass der Verkehrswahnsinn ein Ende nimmt. Zu jenen, die sich in der Bürgerinitiative engagierten, gehört auch Robert Pfeifer. Mit seiner Frau Anke wohnt er an der früheren B 4. Im vergangenen Sommer konnten sie in lauen Nächten die Fenster öffnen – zum ersten Mal. Es sei nicht nur die Lautstärke, bis zu 97 Dezibel, sondern auch der Abgasgeruch gewesen, der vorher nicht zu ertragen gewesen sei.

„Ich will nie wieder tauschen“, sagt Robert Pfeiffer, muss dann aber ein wenig Essig in den Wein gießen. Pfeiffers Haus liegt direkt an der Kreuzung, an der es nach Westerweyhe geht. Durch die Ortsumgehung wurde Kirchweyhe zur Sackgasse und die Kreuzung zu einer abknickenden Vorfahrtsstraße. „Ich gehe davon aus, dass es hier noch einmal richtig scheppern wird“, sagt Pfeiffer. Nach wie vor würden sich viele Autofahrer in den Ort verirren, weil sie die Ausschilderung am Kreisel übersehen.

Die Vorfahrtsregelung an der Kreuzung interessiere viele nicht, „sie fahren einfach“, schildert der Kirchweyher. Mehr noch treibt ihn und andere um, dass auch zwölf Monate nach der Eröffnung der Umgehung viele Fernfahrer in Lkws in den Ort fahren. Die Landesstraßenbaubehörde und die Stadt reagierten mit einer Beschilderung im letzten Frühjahr, als sich Lkws in den engen Straßen verkeilten, teils Mauern mitnahmen. Auch heute noch ist dieses Schauspiel zu erleben, sagt Jürgen Wenzel. Und als bedürfe es eines Beweises, bremst ein Lkw auf der Ortsdurchfahrt ab, wendet und versperrt die Straße, sodass Autos nicht durchkommen.

Das Problem ist auch Ortsbürgermeister Karl-Heinz Günther nicht neu. Die Laster-Fahrer hätten beim Zurücksetzen schon so einige Einfahrten, Schilder, Mauern und Zäune demoliert, berichtet er. Der Ortsrat wolle jetzt den Schaden beziffern. Günther rechnet mit einem fünfstelligen Betrag.

Die Stimmung unter den Anwohnern sei „gereizt“ – und Günther selbst ist ratlos, wie man dem Problem Herr werden könnte. „Es ist schon ausgeschildert, aber die Leute wollen es einfach nicht lesen.“

Von Norman Reuter und Anna Petersen

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