"Ich hasse ihn nicht" - das komplette Interview

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Die Mutter des mordverdächtigen Jan O.: "Ich hasse ihn nicht."

Uelzen/Bodenfelde - Von Thomas Mitzlaff. „Das traue ich ihm zu, so wie er mit uns umgesprungen ist“, sagt Jans Vater. „Auch Jan ist ein Opfer – das seines Vaters“, erwidert die Mutter. Wenn die beiden über ihre Ehejahre sprechen, gibt es Schilderungen von Wutausbrüchen, von Gewalt, von einem Alltag, der nichts mit einem „normalen“ Familienleben zu tun hat.

Der mutmaßliche Doppelmörder von Bodenfelde wuchs in Uelzen in zerrütteten Verhältnissen auf, in einer Mischung aus Verzweiflung und auch Hass. „Ich will ihn im Gefängnis besuchen und ich will im Prozess aussagen, dass er ein Opfer ist“, sagt Andrea O. immer wieder gebetsmühlenartig. Er sei eigentlich kein schlechter Junge, sagt sie einerseits – und hofft wenige Sätze später, „dass er kein Serienmörder ist und nicht noch mehr Menschen umgebracht hat“.

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Getötet aus "Mordlust"

Jan habe nie Liebe erfahren, er sei leider ein Choleriker, sie wolle aber auch nichts beschönigen – konfuse Erklärungs- und Rechtfertigungsversuche einer Mutter, die gescheitert und längst am Ende ihrer Kräfte ist. Am 26. August 1986 geben sich Andrea und Klaus O. im Uelzener Standesamt das Ja-Wort. Ihr gemeinsamer Sohn Jan ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt. Im November 2010 ist die Ehe längst geschieden, haben Mutter und Vater nur noch Verachtung füreinander übrig, sind in psychiatrischer Behandlung – und sitzt ihr mittlerweile erwachsener Sohn im Gefängnis, weil er aus Mordlust zwei Teenager erstochen und erwürgt haben soll. Dazwischen liegen 24 Jahre in einem dramatischen Abwärtsstrudel, der offenbar auch die eingeschalteten Behörden wie Jugendamt und Betreuungsverein überforderte.

Stationen einer kriminellen Jugend

Der Fall Jan O.: Stationen einer kriminellen Jugend

Ein halbes Jahr nach der Heirat sei sie erstmals geschlagen worden, sagt Andrea O. gestern zur AZ, dann sei ihr Mann immer häufiger ausgetickt, habe auch Gewalt in Anwesenheit ihres Sohnes ausgeübt. Schon in der Grundschule sei Jan auffällig gewesen, „mit 13 Jahren hat er dann mit einer Schreckschusspistole bewaffnet ein Geschäft überfallen“, schildert die Mutter.

Die Polizei fasst den noch nicht strafmündigen Jungen wenig später. Als Jan acht Jahre alt ist, trennen sich die beiden, weil die Mutter mittlerweile psychisch krank ist, bekommt der Vater das Sorgerecht – und den Jungen nicht in den Griff. Nach Heimaufenthalten landet Jan schließlich im Gefängnis und wird zur Therapie vorzeitig entlassen. Der Kontakt zur Mutter, die ihn regelmäßig in der Haft besucht hat, reißt mit der Entlassung des Sohnes ab. Das nächste Mal hört Andrea O. von ihm Mittwochvormittag – sie sieht die Bilder im Fernsehen, wie Jan mit über den Kopf gezogener Jacke zum Haftrichter geführt wird.

„Er ist eigentlich wie ich. Aber ich richte die Gewalt gegen mich und ritze mir die Unterarme auf, während er seinen Zorn an anderen auslässt“, sagt Andrea O. Das letzte Foto, das sie von ihm hat, ist zehn Jahre alt. „Aber ich bin immer noch seine Mutter“, sagt sie. Wie eine Mutter damit umgehen soll, dass ihr Sohn womöglich ein Doppelmörder ist? „Ich hasse ihn nicht, ich werde zu ihm stehen. Auch wenn er jetzt ganz unten ist“, sagt Andrea O.

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