Erinnerungen an Heute

„Ich bin geschockt…“

Tante Ulrike ist schon sehr besonders. Kein Wunder, dass ihre Tochter Josephine, meine Nichte (aber nur 2. Grades) dies auch ist.

Hans-Helmut Decker-Voigt

Während Tante Ulrike auf allen Familientagen hervorsticht durch ihre zu allem Senf dazugebende krähende Stimme („das darf doch nicht wahr sein!“), hört die Öffentlichkeit bei Josephine keinen Satz so oft wie „Ich war geschockt“ oder „ich bin völlig geschockt“. Josephine steht am Morgen nach einem eigentlich erträglichen Abend mit uns und unserer Tochter, ihrer Cousine (aber nur 2. Grades) vor unserer noch nicht wieder ganz aufgeräumten Küche und ich höre sie am Telefon ihrer Mutter klagen, dass sie bei diesem Chaos bei uns „schon schwer geschockt“ ist. Ich finde meine Tochter manchmal auch etwas unordentlich, aber bei solchem Anwurf gehe ich in die Verteidigung.

Josephines gibt‘s immer mehr. Am Hammersteinplatz bleibt ein (noch) älterer Herr als ich abrupt stehen und ruft laut und entsetzt, dass er geschockt sei über unsere Städtische Straßenreinigung. Vor ihm liegt ein kleiner brauner Hundehaufen auf dem Pflaster. Und als sich die Nachricht verbreitete, dass mein Kollege sich jetzt scheiden lasse wegen einer Jüngeren (das macht er jetzt schon zum dritten Mal), höre ich im Sekretariat das Stöhnen: „Das schockt mich aber jetzt!“ Was machen die Josephines (Josephs gibt‘s auch), diese armen Kranken – denn für die Dauer eines Schocks ist der Mensch Patient – beim Ausbleiben ihrer Zeitung wegen Blitzeis, beim Stromausfall im letzten Sturm, dessentwegen ihr Intercity eine Stunde stehenblieb, beim Überfall ihrer Tankstelle, an der sie gerade gestern noch tankten?

Was werden sie sagen, wenn sie eine wirklich bedrohliche Diagnose über ihren psychischen Zustand erführen, der nicht mehr fern wäre, wenn ein Schockzustand den nächsten ablöst? Denn Schock bedeutet unter anderem schwere Kreislaufstörung mit Sauerstoffunterversorgung und einem Zustandsbild, das lebensbedrohlich sein kann.

Ich kenne Tante Ulrike lange genug, um zu wissen, wie Josephine reagiert, wie die Josephines dieser Welt reagieren: Dann haben sie keine Worte mehr.

Am 1. März hat Josephine Geburtstag und wird schreien „Ich bin geschockt“. Denn sie wird dann feststellen, dass es erst der 29. Februar ist. Schaltjahr. Aber bei genauen Terminen schaltete Josephine immer schon ab. Wie ihre Mutter Tante Ulrike...

Von Hans-Helmut Decker-Voigt

Hans-Helmut Decker-Voigt ist Professor für Musiktherapie und Schriftsteller. Er schreibt seit 1980 seine Kolumne. Kontakt: Prof.Dr.Decker-Voigt@t-online.de.

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