Gäste aus der gesamten Region kamen zum Gehörlosen-Gottesdienst im Veerßer Gemeindehaus

Der Himmel ist ein Hände-Dach

Es ist anstrengend, sich zu konzentrieren auf Gebärde, Mimik und Mundbildung: Pastorin Christiane Neukirch aus Hannover bei ihrem Gottesdienst im Gemeindehaus von St. Marien Veerßen. Foto: Kaiser

Uelzen-Veerßen. „Gott hat kein Gesicht, aber einen Klang“, sagte kürzlich der Countertenor Jochen Kowalski im Interview. Das ist ein schöner Vergleich und wer dächte nicht sofort an Johann Sebastian Bach. An wummernde Orgelfugen, die im Zwerchfell vibrieren.

Was aber, wenn der Mensch gehörlos ist? Für jeden, dem Klang, Geräusche, Melodien, Straßenlärm und Katzenmiauen, Nachbarsgezänk und Liebesgeflüster so selbstverständlich sind, dass er es gerne hin und wieder einmal ganz leise mag, ist das unvorstellbar.

Am Sonnabend hielt Pastorin Christiane Neukirch aus Hannover im Gemeindehaus St. Marien Veerßen einen Gottesdienst für solche Menschen. Dass die dafür sogar aus den Kreisen Lüchow-Dannenberg und Soltau-Fallingbostel kamen, bewiesen die Autokennzeichen vor der Tür.

Seit zwei Jahren gibt es diese Angebote in der Ortsteil-Kirche. Pastorin Neukirch ist bereits seit zwölf Jahren in Niedersachsen in dieser Mission unterwegs. „Seit 1996 habe ich mich mit Gehörlosenarbeit beschäftigt“, sagt sie. Dazu erlernte sie die Gebärdensprache. Ist die schwer? „Wenn man selber ein wenig lebhafter ist, ist es vielleicht nicht so schwer“, lautet die Antwort.

Die Gebärdensprache ist keine internationale. Es sei so ähnlich wie mit den Dialekten, sagt Neukirch, Sprache sei eben etwas sozial Verbindendes und etwas Regionales.

Wie groß sind die Unterschiede beim Feiern des Gottesdienstes in einer hörenden und einer gehörlosen Gemeinde? „Gehörlose Menschen sind mehr auf Kommunikation und Interaktion eingestellt“, erklärt Christiane Neukirch. Und die Atmosphäre sei schon eine andere. Persönlicher auch.

Etwa 20 Menschen sind zum Gottesdienst nach Veerßen gekommen. Gepredigt wird zur Passionszeit, in der wir uns bis Ostern befinden. Die Pastorin spricht langsam, der Satzbau ist einfach, die Gebärden deutlich. Wie viele Zeichen es gibt, vermag niemand zu sagen und für jeden Außenstehenden ist es ein Wunder, dass die Anwesenden verstehen, nicken, mitmachen. Die Gebärde für Gott ist ein Zeichen zwischen Victory-Symbol und Schwurhand; den Himmel symbolisiert eine Raum greifende Bewegung beider Hände über den Kopf, einem großen, beschützenden Dach nicht unähnlich. Sogar „gesungen“ wird. Man spricht die Liedtexte und vollführt mit den Händen deren Bedeutung. Auch so kann die Paul-Gerhardt-Liedzeile entstehen „Ich bin ein Gast auf Erden“.

Der stille (hörende) Beobachter kann die Verbundenheit dieser kleinen Gemeinschaft spüren, die am Ende des Gottesdienstes das Abendmahl empfängt.

Es ist anstrengend, sich zu konzentrieren auf Gebärde, Mimik und Mundbildung. Pastorin Neukirch weiß das. Als dann alle ans gemeinsame Kaffeetrinken gehen, ist es ungewöhnlich still für einen Raum mit vielen Menschen. Dass jedoch alle eifrig diskutieren und sich unterhalten, kann man an den Gebärden erkennen. Was sie wohl sagen?

Von Barbara Kaiser

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