Herr über Rubens Gemälde

Der geborene Uelzener Christoph Martin Vogtherr wird neuer Direktor der Wallace Collection in London.

Uelzen/London - Von Jürgen Köhler-Götze. „Ich genieße es, dass man sich inzwischen in Europa normal bewegen und überall arbeiten kann“, sagt Christoph Martin Vogtherr. Gerade ist der geborene Uelzener zum neuen Direktor der Wallace Collection in London ernannt worden, wo er bereits seit 2007 als Kurator arbeitet. „Die Nachricht habe ich pünktlich an meinem Geburtstag erhalten“, freut sich Vogtherr, der sich in einem internationalen Bewerbungsverfahren durchsetzen konnte.

Die Wallace Collection ist eines von mehreren Nationalmuseen in Großbritannien und geht auf eine Schenkung der Witwe von Sir Richard Wallace an den britischen Staat im Jahre 1897 zurück. Das Museum im Hertford House am Manchester Square beherbergt neben Porzellan aus Sèvres und Meißen, historischen Waffen und der größten Sammlung französischer Kunstmöbel außerhalb von Frankreich eine hochkarätige Sammlung von Gemälden. Vogtherr wird Herr über Gemälde von Hals, Rubens, Velázquez, van Dyck, Gainsborough, Turner, Rembrandt, vor allem aber über einen reichen Bestand von französischen Gemälden, die vor 1800 entstanden sind. Genau das ist sein Spezialgebiet. Diese Gemälde hat er seit 2007 bei der Wallace Collection kuratiert. „Wir haben hier alleine acht Watteaus“, erzählt er nicht ohne Stolz, dazu eine ganze Reihe von Gemälden von Boucher und Fragonard.

Dass Vogtherr jemals ein Museum leiten würde, hat er sich bei seinem Abitur 1984 am Herzog-Ernst-Gymnasium (Durchschnittsnote 1,0) nicht unbedingt träumen lassen. Studiert hat er Kunstgeschichte, mittelalterliche Geschichte und klassische Archäologie an der Freien Universität in Berlin, in Heidelberg und als Austauschstudent der Studienstiftung des Deutschen Volkes am Trinity College, Cambridge. Er hat mehrere Praktika am Art Institute in Chicago absolviert und 1992 seinen Magister (Note: 1,0) gemacht. Thema der Magisterarbeit: Die Auswahl der Gemälde für das einst geplante Berliner Museum, unter denen sich zahlreiche französische Bilder befanden. „Damals hat sich der Schwerpunkt für mich herauskristallisiert“, erinnert sich Vogtherr. Seine Franzosen hat er auch bei seiner Doktorarbeit („Summa cum laude“) 1996 über die Geschichte des Berliner Museums nicht mehr aus den Augen gelassen. Gleichzeitig bereitete er als wissenschaftlicher Assistent die Ausstellung zum 300-jährigen Jubiläum der Akademie der Künste in Berlin vor, „die letzte Ausstellung im alten Haus“, erinnert er sich, „und das letzte Exponat der Ausstellung war denn auch ein Modell des neuen Hauses“.

Ab 1997 hat Vogtherr dann bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten eine Ausbildung zum Jungkurator durchlaufen.

Seit 2007 ist er Kurator für die vor 1800 entstandenen Gemälde in der Wallace Collection in London und wenig später wurde er kommissarischer Leiter der Sammlungen. Dort ist er auch zuständig für Gutachten. „In England kann man seine Steuerschulden mit Kunst bezahlen“, erklärt Vogtherr. Er schätzt dann den Wert der Gemälde. In Deutschland ist das nicht möglich. „Das scheitert seit Jahren am Finanzminister. Eigentlich ist das dumm“, findet Vogtherr, „denn so billig kommt der Staat nie wieder an Kunst.“ Und Vogtherr wird auch gefragt, wenn hochrangige Gemälde ins Ausland verkauft werden sollen. Er muss dann entscheiden, ob es sich um nationales Kulturgut handelt. Das nämlich darf nicht ausgeführt werden.

Traditionell werden die Ernennungsurkunden für die Direktoren der Nationalmuseen in der Downing Street 10 unterzeichnet. Vogtherrs Urkunde trägt nicht nur die Unterschrift des Premierministers David Cameron. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg regiert in Großbritannien eine Koalition, weswegen auch Vizepremier Nick Clegg die Urkunde unterzeichnete. Christoph Martin Vogtherr tritt seine Stelle als Direktor am 24. Oktober dieses Jahres an.

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