Mit Wegfall der zusätzlichen Unterrichtsstunde für Lehrer kommen am Gymnasium viele Fragen auf

„Herbe Klatsche“ für das Land

Uelzen. Die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg, die um eine Stunde erhöhte Unterrichtszeit für Gymnasiallehrer zu kippen, beschert den Pädagogen im Kreis Uelzen ein Wechselbad der Gefühle.

Denn neben der allgemeinen Freude über das Urteil kommen Fragen auf: Etwa 750 Vollzeitstellen hat Niedersachsen mit der Erhöhung der Regelstundenzahl eingespart. Unklar ist, wie in wenigen Wochen so viele neue Lehrer gefunden werden sollen.

Fünf zusätzliche Kräfte benötige man jetzt in der Kurstadt, schätzt Christel Auer, Leiterin der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Bad Bevensen, zwei Vollzeitstellen fehlen laut Bernhard Koppius, Vorstandsmitglied im Philologenverband Niedersachsen, am Herzog-Ernst-Gymnasium (HEG). Und noch eine Frage drängt sich den Pädagogen auf: Wie und wann wird die bereits geleistete Mehrarbeit rückwirkend ausgeglichen? Denn ein Schuljahr lang wurden bereits 24,5 statt zuvor 23,5 Wochenstunden geleistet. „Ich schätze, dass es bei uns über 100 Stunden sind“, so Auer. Koppius hält einen konkreten Leitfaden der Landesregierung – einen „Plan B“ – bis August für dringend erforderlich.

Das Gericht hatte am Dienstag die erhöhte Unterrichtszeit als verfassungswidrig erklärt, da unter anderem unklar sei, warum Gymnasiallehrer anders behandelt würden als andere Kollegen (AZ berichtete) – eine Strategie, die, so glaubt Koppius, vor allen dem Philologenverband zuzuschreiben sei, der vor Gericht hinter den neun klagenden Lehrkräften stand. „Das Urteil ist eine herbe Klatsche – auch durch die Nichtzulassung der Revision.“

Schon länger herrscht Unfrieden zwischen Kultusministerium, Eltern und Lehrern. Davon kann auch Christof Kordes, der neben seiner Lehrtätigkeit am LeG Bezirksvorsitzender des Philologenverbandes ist, ein Lied singen. Sämtliche Schreiben von Eltern und Lehrern an das Ministerium blieben unbeantwortet. Das Gerichtsurteil sei gerade noch rechtzeitig gekommen, sagt Kordes. „Die Kollegen haben das Gefühl, sie müssen sich die ganze Zeit vor dem Ertrinken retten.“ Die Mehrbelastung sei zulasten von Gesprächen mit Schülern und Eltern und der Aufarbeitung des Unterrichts gegangen.

Aus Protest verzichteten die beiden Uelzener Gymnasien auf Klassenfahrten. Laut Koppius und Kordes aber gibt es nun keinen Grund mehr, an dem Boykott festzuhalten. An den Berufsbildenden Schulen (BBS) I sowie an der KGS wurde nicht auf Fahrten verzichtet.

Einen Wermutstropfen jedoch gibt es noch: Die Streichung der ursprünglich für Lehrer vorgesehenen Altersermäßigung bleibt bestehen. Dabei habe es durchaus einen Bedarf gegeben, weiß Kordes, dieser Aspekt sei bei der Klage aber zweitrangig gewesen, meint Koppius. Und während noch im Raum steht, ob das Kultusministerium Beschwerde gegen die Nichtzulassung einer Revision einlegen wird, wirft Kordes schon einen Blick in die Zukunft, wenn mit der Abi-Reform in Niedersachsen die Schülerzahlen wieder ansteigen. „Es wäre doch sinnvoll, wenn das Land dafür sorgt, dass nicht 2020 die große Panik ausbricht und keine Lehrer da sind.“

Von Anna Petersen

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