Sozialpsychiatrischer Dienst Uelzen mit zunehmend jüngeren Klienten – Einrichtung feiert 40-jähriges Bestehen

Heranwachsende gleiten immer häufiger ab

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Der Alltag wird mit dem Computerspielen verbracht. Immer mehr junge Heranwachsende fassen keinen Tritt im Leben.

Uelzen/Landkreis. Folke Sumfleth, Facharzt für Psychiatrie, blickt mit Sorge auf eine Entwicklung. Eine zunehmende Zahl von 18- bis 25-Jährigen im Landkreis Uelzen fasst keinen Tritt mehr im Leben.

Junge Männer und Frauen flüchten sich beim stundenlangen Computerspielen in virtuelle Welten. Sie bestellen Dinge des Alltags online, gezahlt wird aber nicht. Die Mahnschreiben bleiben ungeöffnet liegen, Schulden häufen sich an. Der Alkohol hilft beim Ablenken.

Sumfleth und seine Kollegen beim Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDI) arbeiten mit den jungen Erwachsenen. Die SPDI-Mitarbeiter sind zugleich Suchtberater und betreuen Menschen mit psychischen Störungen. Befinden sich Menschen in Lebenskrisen oder sind lebensmüde, bieten die Mitarbeiter des Dienstes eine Soforthilfe an. Sie sind eine Art „schnelle Einsatztruppe“. In der kommenden Woche feiert der Sozialpsychiatrische Dienst Uelzen sein 40-jähriges Bestehen.

Die Bundespolitik hat die Sozialpsychiatrischen Dienste geschaffen. Der Uelzener Dienst war einer der ersten, der 1976 zunächst als Modellprojekt entstand. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Menschen mit psychischen Störungen stationär in Einrichtungen wie dem Landeskrankenhaus in Lüneburg untergebracht worden. Der Aufbau der Dienste in Städten und Landkreisen stellte einen Kurswechsel dar – weg von einer grundsätzlichen Unterbringung in Einrichtungen. Hilfe sollten Betroffene in ihrer Heimatregion finden. Der Sozialpsychiatrische Dienst sieht bewusst eine aufsuchende Arbeit vor.

Im vergangenen Jahr zählte der Sozialpsychiatrische Dienst Uelzen 1044 Klienten. Seit 2012 liegen die Zahlen konstant über der 1000er-Marke. Von einem „enormen Anstieg“ der Fallzahlen spricht Sumfleth im Altersbereich der 18- bis 25-Jährigen. Die Ursachen sieht der Psychiater in einem gesellschaftlichen Phänomen. „Eltern werden häufiger ihrer Elternrolle nicht mehr gerecht“, so der Psychiater. Kinder würden vernachlässigt und gleichzeitig mitbekommen, wie sich ihre Eltern dafür schämten. Eine Erziehung mit dem Setzen von Grenzen für die Heranwachsenden bliebe aus. Und: Kinder in prekären Familiensituationen erlernten von klein auf, dass bei Auftreten von Problemen externe Hilfe geschickt werde. Warum also an sich arbeiten, wenn sichergestellt ist, das „irgendwer immer schon zur Hilfe eilt“. Im Ergebnis stellen sich Betroffene nicht den Aufgaben des Lebens, verfügen – wie Wiebke Heger, Sozialarbeiterin beim SPDI sagt – über ein „labiles Selbstbild“.

Sind junge Erwachsene nicht arbeitsfähig oder -willig und greifen Sanktionen des Jobcenters ins Leere, informiert es in solchen Fällen den Sozialpsychiatrischen Dienst. Er versteht sich selbst auch als Koordinator bei Hilfegesuchen. Gesetzlich vorgesehen ist nicht nur der SPDI, sondern auch der Sozialpsychiatrische Verbund, in dem sich alle Einrichtungen im Landkreis engagieren, die an der Versorgung psychiatrisch erkrankter Menschen beteiligt sind. Der SPDI hat den Vorsitz.

Durch die Zusammenarbeit der Einrichtungen können Betroffene für eine optimale Betreuung an die jeweiligen Spezialisten vermittelt werden.

Von Norman Reuter

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