Gunther Schendel aus Uelzen über seine Eindrücke von einer Reise in die Ukraine (Teil II)

In der Heimat auf der Flucht

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Ein Bahnhof wird zum Empfangszentrum für Flüchtlinge: Menschen, die aus dem Osten geflohen sind, finden in der „Station Kharkov“ im Bahnhof von Charkiw Hilfe.

Der Andreassteig, der Andrijivskyi uzviz, ist eine der Hauptattraktionen Kiews. Kopfsteinpflaster, niedrige Häuser aus dem 19. Jahrhundert, Cafés und kleine Läden: All das erinnert wirklich an das Pariser Künstlerviertel Montmartre.

Lesen Sie hier Teil I: "Europas naher Osten"

Aber an diesem windigen und verschneiten Sonntag ist wenig los. Nur wenige Touristen eilen schnell durch die gewundene Gasse. Als wir um zwei Ecken biegen, bietet sich ein völlig untouristisches Bild. Das Haus in der Frolivska-Straße 9/11 ist ein unscheinbarer Bau. Und vor diesem Gebäude stehen jetzt Dutzende Menschen und warten im Schneeregen. Gleich, in zehn Minuten, wird das Hilfszentrum für Flüchtlinge wieder geöffnet.

Zelte und Computer: Das Hilfszentrum in der Kiewer Frolivska-Straße

Bevor der Ansturm losgeht, werden wir von einer Ehrenamtlichen in Empfang genommen. Drinnen ist alles eng, aber professionell. An einer Tischreihe sitzen vier Frauen hinter Computern, daneben ein Scanner. Gleich werden sie die Hilfesuchende erfassen; ein Monitor zeigt an, wann sie dran sind und sich im benachbarten Wäscheraum eine Grundausstattung zusammensuchen können: Kleidung und Bettzeug. Während wir uns im Wäscheraum umsehen, geht die kleine Klappe zur Straße hin auf: Ehrenamtliche bringen neue Spenden vorbei. Auf dem Schild draußen steht: „Jeder kann helfen“. Besonders wichtig, so wird uns gesagt, sind Hygieneartikel.

Viele Menschen, die hier Hilfe suchen, haben alles verloren. Sie stammen meist aus dem Osten der Ukraine, sind dort aus den umkämpften Gebieten und aus den selbsternannten „Volksrepubliken Donetzk und Luhansk“ geflüchtet.

Nach offiziellen Zahlen des UN-Flüchtlings-Hochkomissariats gibt es in der Ukraine zurzeit 1,1 Millionen Binnenflüchtlinge, davon leben im Bereich der 2,5-Millionenstadt Kiew mehr als 80 000. Dabei dürfte die Dunkelziffer deutlich höher liegen. Aber wie auch immer: Der Bedarf an Hilfe ist groß.

Das Team der Malteser war auch auf dem Maidan. In Kiev hält es für Flüchtlinge nun Suppen und Tee bereit.

In einem Zelt hinter dem Hauptgebäude sehe ich, wie Binnenflüchtlinge sich Essbestecke zusammensuchen. Daneben gibt es ein Wärmezelt, in dem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Malteser heißen Tee und heiße Suppe bereithalten. Stolz erzählen sie, dass ihr Zelt schon auf dem Maidan dabei war. Jetzt sind es hundert Liter Suppe und hundert Liter Tee, die sie jeden Tag verteilen. Die Ehrenamtlichen wissen: So schnell wird ihre Hilfe nicht überflüssig sein. Lissy, eine Ehrenamtliche aus dem Leitungsteam, berichtet, wie die Idee zu diesem Zentrum 2014 in ihrem Wohnzimmer entstand. In ihrem Berufsleben arbeitet sie im Medienbereich, aber jetzt fordert die Hilfe für die Binnenflüchtlinge viele Kräfte.

Station Kharkow – erste Anlaufstelle auf der Flucht

Die meisten Binnenflüchtlinge gibt es im Osten der Ukraine; im Bezirk Charkiw sollen es offiziellen Angaben zufolge 145 000 sein. Und weil viele von ihnen per Bus oder Bahn ankommen, hat „Station Kharkow“ ihr Empfangszentrum in einem der prunkvollen Säle des Bahnhofs eingerichtet.

Sie füllen eine Lücke, die von den staatlichen Behörden geschlossen werden müsste: Die Freiwilligen von der „Station Kharkov“.

„Station Kharkow“ wurde am 1. Juni 2014 gegründet, erläutert Victoria Bulavina, eine leitende ehrenamtliche Mitarbeiterin. Und sie zeigt mir an diesem Vormittag, wie sehr sich diese Freiwilligenorganisation in den vergangenen zehn Monaten entwickelt hat. Das Hilfszentrum „Red Point“ in der Krasnooktyabrskaya-Straße macht einen sehr professionellen Eindruck: Von der Verteilung von Hilfsgütern bis zu einer kleinen Spielecke für Kinder gibt es hier alles. In der Spielecke können die Eltern ihre Kinder für bis zu zwei Stunden von den Ehrenamtlichen betreuen lassen – wichtig, wenn sie Behördengänge vorhaben oder auf Arbeitssuche sind. Beim Blick auf manche Ehrenamtlichen fällt mir auf, dass sie Bären- oder Hasenohren ins Haar gesteckt haben. „Das ist wegen der Flüchtlinge“, erläutert Victoria Bulavina. „Sie sollen merken, dass sie es hier nicht mit Ärzten oder Offiziellen aus den Behörden zu tun haben…“ Und ich denke weiter: „…auch nicht mit Soldaten!“ Denn nicht wenige der Menschen, die hier ankommen, sind traumatisiert. Victoria zeigt auf eine Frau, die in einen Seitenraum geht: „Das ist unsere Psychologin. Sie arbeitet hier mit den Traumatisierten. Eine absolute Spezialistin. Ich könnte mir keine Therapie bei ihr leisten. Aber sie macht das hier ehrenamtlich!“

Mich beeindrucken der Elan und die Professionalität dieser Ehrenamtlichen. Sie engagieren sich, obwohl die Bewältigung des eigenen Lebens angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise anstrengend genug sein dürfte. Aber sie füllen eine Lücke, die die staatlichen Stellen in der gegenwärtigen Situation offensichtlich nicht ausfüllen können. Ich erinnere mich an den Vortrag eines ukrainischen Flüchtlingsexperten: Danach gibt es noch immer keine staatliche Zentralstelle für die Binnenflüchtlinge, und die entscheidende Hilfe kommt aus der Zivilgesellschaft, also von den Lissys und Victorias, die wir in Kiew und Charkiw kennenlernen konnten.

„Es ist schwer, das jemandem aus Europa zu erklären …“

Einige Tage später, auf dem Rückflug nach Deutschland, denke ich darüber nach: Wieweit liegt Charkiw eigentlich von uns in Norddeutschland entfernt? Dem Atlas zufolge sind es 1800 Kilometer – beliebte Urlaubsziele wie Athen oder Istanbul liegen weiter weg. Und trotzdem kommt es mir vor, als läge die Ostukraine ganz woanders – eine scheinbar völlig andere Welt mit Menschen, die im eigenen Land auf der Flucht sind. Und doch gehören diese Landstriche und Menschen zu Europa.

Zuhause lese ich dann im Webblog der Aktivisten über unsere Begegnung im Bahnhof: „Wieder einmal versucht, über die Probleme und Schwierigkeiten des Überlebens zu sprechen – und über die Evakuierung der Zivilbevölkerung in der Region. Es ist schwer, das jemandem aus Europa zu erklären: Wir haben Krieg im Osten, und im 21. Jahrhundert sterben in Europa jeden Tag Menschen infolge von Wunden, Hunger, Mangel an Medizin.“

Lesen Sie hier Teil III: "Ein Wunder hat begonnen..."

Über den Autor

Gunther Schendel

Gunther Schendel, ehemals Pastor in Uelzen-Oldenstadt und heute Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in Hannover, begleitete Ende März/Anfang April eine Partnerschaftsgruppe in die Ukraine. Der Berliner Bezirk Steglitz/Zehlendorf will seine Partnerschaft zur ostukrainischen Großstadt Charkiw/Kharkov intensivieren. Schendel berichtet in mehreren Folgen in der AZ von seinen Reiseeindrücken und von Begegnungen mit Vertretern der ukrainischen Zivilgesellschaft.

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