Verprügelt, gefeiert – und engagiert

Vor der Heidekönigwahl: Schwule aus der Region über ihre Erfahrungen und Ziele

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Johannes Paul, Dirk Ahrens – Heidekönig Dirk I. – und Till Naumburger (von links) am Uelzener Schnellenmarkt. Im „Komma“, unweit von hier, konnten Schwule zuletzt noch „Pink Parties“ feiern, aber dieses Angebot wurde eingestellt.

Uelzen. Die Schwulen-Szene in der Heideregion um Uelzen und Lüneburg kommt wieder in Schwung. Dabei mischen auch Johannes Paul aus Bad Bodenteich und Till Naumburger aus Uelzen mit. Sie sind zwei von vier Kandidaten, die Nachfolger des amtierenden Heidekönigs Dirk I. werden wollen.

Dass ein Heidekönig gewählt wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Idee wurde ursprünglich vor einigen Jahren von der Aidshilfe Hannover initiiert. Ihr ging es damals um Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Die Königswahl schlief ein, wurde aber vor zwei Jahren aus der Schwulen-Community heraus wiederbelebt. Die erste Wahl fiel vor zwei Jahren auf Dirk Ahrens, der bei der Online-Wahl versprach, eine regelmäßige Veranstaltung für die Szene ins Leben zu rufen.

Seither findet im Lüneburger Salon Hansen alle drei Monate die „Lünegay Night“ statt, zahlreiche Schwule der Region feiern zusammen. Die Veranstaltung wird von Männern jeden Alters angenommen. „Das ist der Unterschied zu Hamburg“, erklärt Ahrens. Während in der Großstadt unterschiedliche Szenen und Altersgruppen von Schwulen ihre eigenen Parties feierten, müsse man in Lüneburg zufrieden damit sein, eine kleine Party für alle etabliert zu haben. Im Uelzener „Komma“ seien die „Pink Parties“, die dort vorübergehend stattfanden, schon wieder Geschichte.

Schwul auf dem Land – das, so machen es die drei klar – ist keine Seltenheit. Die Szene sei aber auf der anderen Seite so überschaubar, dass es schwer sei, feste Angebote zu etablieren. Zum Wahlprogramm von Paul gehört daher vor der Heidekönigwahl das Versprechen, das Erreichte noch auszubauen: „Es ist schön, dass es die ,Lünegay Night‘ gibt, aber vielleicht ist noch mehr drin als nur alle drei Monate.“ Naumburger legt einen Schwerpunkt auf Beratungs- und Kontaktangebote in Uelzen – gerade für Jugendliche.

Er weiß, wie schwer es sein kann, seine Sexualität und Geschlechtsidentität zu finden. Und sich damit zu outen.

Mein Coming-Out war total einfach - Johannes Paul

Heute sagt er: „Ich bin schwul, meine Geschlechts-identität zwischen männlich und weiblich.“ Beispielsweise schminke er sich und trage extravagante Schuhe.

Sein Coming-Out klingt Hollywood-reif: „Ich wusste früh, dass ich schwul bin, habe mich aber schon vor meinen Eltern geschämt, hatte Selbstmordgedanken. Obwohl es sogar in der Verwandtschaft Schwule gab.“ Aus Angst vor Mobbing an der heutigen Uelzener Oberschule wusste nach seinem ersten Offenbaren lange nur der engste Familienkreis Bescheid. Dann kam der große Auftritt: Zur Abschlussrede vor den Mitschülern und Lehren erschien Till als Dragqueen und sprach darüber, dass es im Leben nur darum gehe, glücklich zu sein. „Erst waren alle ruhig bis skeptisch – aber am Ende bekam ich Standing Ovations“, erinnert sich der 17-Jährige an diesen Gänsehaut-Moment. Er ist heute Schüler an der KGS Bad Bevensen und lebt „offen schwul“, wie er sagt. Und sein Instagram-Profil mit vielen Fotos stoße auf reges Interesse.

Paul sagt, dass sein Coming-Out „total einfach“ war. Letztlich habe es eine Freundin übernommen. Der hatte er sein Geheimnis anvertraut und die es einfach auf einer Party allen weitererzählt. „Probleme hatte ich aber nie, es wurde einfach von allen akzeptiert.“

Ein unangenehmes Erlebnis gab es dennoch: Als Johannes Paul nach langer Zeit eine Freundin wiedertrifft, lädt die ihn nach Hause ein. In einem Wohnheim am Bohldamm findet der heute 24-Jährige sich in Gesellschaft von Nazis wieder. „Der eine hatte SS-Runen auf die Finger tätowiert und die Musik war auch komisch.“ Zunächst verläuft der Abend noch entspannt, aber als Johannes aufbrechen will, kassiert er Schläge, blutet stark unter dem Auge, kann sich gegen die drei Gegner als Kickboxer aber wehren. Er flüchtet und alarmiert die Polizei. „Gott sei Dank ist keine Narbe geblieben“, sagt er. Dirk Ahrens teilt zu seinem Coming-Out mit: „Ich habe mich sehr spät, mit 31 Jahren, geoutet. Im Grunde habe ich mein halbes Leben verschenkt.“

Aber die drei wollen nicht lamentieren, sondern couragiert in die Zukunft blicken und sich weiter für mehr Akzeptanz von Schwulen einsetzen. Die Zeichen stehen nicht schlecht. Gastronomen reagierten offen, wenn sie um Räume für Veranstaltungen gebeten würden, die Organisation eines Public-Viewings zum Eurovision Song Contest in der Lüneburger Innenstadt klappte ohne Weiteres und erstmals seit Jahren wird der Heidekönig auch wieder auf dem Heideblütenfest in Amelinghausen präsent sein. „Das ist für uns eigentlich das Entscheidende“, meint Ahrens. Angebote für die Schwulen-Szene seien gut und wichtig. „Aber vor allem geht es ja darum, dass wir noch mehr Teil des normalen öffentlichen Lebens werden.“

Von Steffen Kahl

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