Gunther Schendel aus Uelzen über seine Eindrücke von einer Reise in die Ukraine (Teil I)

Europas „naher Osten“

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Der Maidan bei Nacht – hier fanden vor einem Jahr die gewaltsamen Auseinandersetzungen statt.

Als wir vom Flughafen in die ukrainische Hauptstadt Kiew fahren, sehen wir am Straßenrand kurz eine Erinnerung an die Europameisterschaft von 2012.

Zwei Bänder aus Stahlbeton schrauben sich spiralförmig in die Höhe, halten gemeinsam einen symbolischen Fußball. Dieses Denkmal zeigt die Nationalfarben der Ukraine und Polens: Beide Länder veranstalteten damals gemeinsam dieses Fußballfest. In Kiew fand das Endspiel statt, 400 Kilometer östlich, in Charkiw, wurden immerhin drei Vorrundenspiele entschieden. Darunter auch der Klassiker Niederlande- Deutschland, den die Deutschen für sich entscheiden konnten.

Zeitzeuginnen berichten von Auseinandersetzungen um den Maidan

Ein Denkmal für die zivilen Opfer vom Maidan.

Aber heute scheint dieses Fußballfest schon Jahrzehnte zurückzuliegen. Andere Zeichen und Bilder prägen den öffentlichen Raum. Zu den Füßen unseres Kiewer Hotels liegt der Majdan, der Unabhängigkeitsplatz. Gleich am ersten Abend sehen wir die zahllosen Bilder und Kerzen, die an die Toten vom Januar/Februar 2014 erinnern. Auf diesem Platz, über den jetzt Paare flanieren, tobten damals Straßenkämpfe.

Am anderen Morgen treffen wir zwei junge Ukrainerinnen; sie waren beim „Euromaidan“ dabei, als Hunderttausende monatelang für das Assoziierungsabkommen mit der EU demonstrierten. Sie zeigen uns den Europaplatz, in dessen Nähe die gewaltsamen Auseinandersetzungen damals im Februar zuerst eskalierten: „Dieses Hotel hier hatte seine Türen geschlossen, ließ keine Zivilisten herein, als draußen die Schüsse der Spezialeinheit Berkut fielen.“ Sie wissen noch genau, wo die Barrikaden standen, erzählen aber auch die Geschichte der „Maidan-Bibliothek“, die damals am Europaplatz entstand: „Hier, im Ukrainischen Haus, wurden Bücher gesammelt. Wir haben auch welche hingebracht. Jeder konnte sie damals ausleihen.“

Aber auch diese Vergangenheit liegt schon wieder ein Jahr zurück. Stattdessen sehen wir in den Straßen die Hinweise auf den Krieg im Osten: Auf dem Maidan werben Männer in Tarnfleck für die Unterstützung ihres Bataillons, Plakate rufen zu Spenden für die Armee auf. An einem Freitagabend, als der Frühling durchkommt, ist der große Kreshatik-Boulevard von jungen Leuten bevölkert. Ein Duo mit Gitarre und Schlagzeug füllt die Luft mit Pop-Musik. Kiew, eine europäische Metropole mit über tausend Jahren Geschichte.

Partnerschaft Berlin - Charkiw

Aber das eigentliche Ziel unserer Reise ist Charkiw, die Millionenstadt im Osten. Seit 1990 unterhält ein Verein aus Berlin-Steglitz und Zehlendorf eine Partnerschaft zu einem Stadtteil von Charkiw. Jetzt soll die Partnerschaft auf eine breitere Basis gestellt werden. Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist deshalb mit einigen gut vernetzten Akteuren vertreten.

Blick auf den Freiheitsplatz in Charkiw: rechts Spendenwerbung für ukrainische Einheiten; im Hintergrund das GOSPROM-Gebäude.

Charkiw empfängt uns mit einem der größten Plätze Europas, dem Freiheitsplatz. Bis vor einem halben Jahr stand hier eine monumentale Lenin-Statue, aber sie wurde im vorigen Herbst bei einer Demonstration geschleift. Nicht alle unserer Gesprächspartner finden das gut. Sie bangen um den wackligen Frieden in dieser Stadt, die nur 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt liegt.

Der Schreck über den jüngsten Anschlag steckt vielen noch in den Knochen: Es ist nur fünf Wochen her, dass hier bei einem Gedenkmarsch für die Maidan-Opfer eine Bombe explodierte und drei Menschen in den Tod riss. Und vor einem Jahr wehte am Freiheitsplatz, auf dem Gebäude der Gebietsverwaltung, kurzzeitig schon einmal die Flagge der Separatisten.

Die Gebiete, die seit vorigem Jahr zu den selbsternannten „Volksrepubliken Donetzk und Luhansk“ gehören, liegen nicht viel mehr als 200 Kilometer entfernt. Hier, in Charkiw, sprechen die meisten Menschen zu Hause Russisch. Aber sie haben zu viel über die Lebensbedingungen in den „Volksrepubliken“ gehört, um sich nach solchen Zuständen zu sehnen. Das erfahren wir jedenfalls von unseren Gesprächspartnern.

Am anderen Tag werden wir im Konferenzsaal der deutschen Honorarkonsulin empfangen. Viele Vertreter aus Kultur, Wirtschaft und Medizin sind gekommen. Der ukrainische Gesundheitssektor steht vor einem Umbau; es wird überlegt, das System der Polikliniken durch eine Facharztversorgung zu ersetzen. In Zeiten der aktuellen Wirtschaftskrise sind solche Schritte eine besondere Herausforderung: Der Staat muss sparen, die Bevölkerung verliert durch den Verfall der Währung massiv an Kaufkraft. Wir hören von Rentnern, die sich ihre Medikamente nicht mehr leisten können.

Die Lemberger Schokoladenstube in Charkiw – Flair weit im Osten der Ukraine.

An den Schulen und Hochschulen, die wir besuchen, ist die Ausrichtung nach Westen mit Händen zu greifen. In einer privaten IT-Hochschule haben auch deutsche Firmen die Unterrichtsräume mit ausgestattet. Und in einigen Gymnasien ist Deutsch Fremdsprache, wird bereits in der Grundschule unterrichtet. Als Schüler einer Mittelstufenklasse sich vorstellen, sagt ein Mädchen: „Mein größter Traum war ein Besuch in Deutschland. Im Januar hat sich dieser Traum erfüllt!“ Aber die Menschen in Charkiw haben definitiv das Potenzial, Träume auch in der Ukraine zu verwirklichen – wenn die äußeren Bedingungen es zulassen. Mit seinen mehr als 30 Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist die Stadt das größte Wissenszentrum der Ukraine. 300 000 junge Menschen studieren hier.

Charkiw ist ein kreativer Ort. Heute arbeiten hier Computerspezialisten und vor 85 Jahren entstand hier das erste Hochhaus der Sowjetunion. Beeindruckend groß steht das GOSPROM-Gebäude noch heute am Freiheitsplatz.

Ja, Charkiw ist eine europäische Stadt mit Format. Es wäre zu wünschen, dass sie auch wieder zu einer Drehscheibe nach Russland wird. Aber dazu muss sich die politische Großwetterlage entspannen. [...]

Lesen Sie hier Teil II: "In der Heimat auf der Flucht"

Über den Autor

Gunther Schendel

Gunther Schendel, ehemals Pastor in Uelzen-Oldenstadt und heute Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in Hannover, begleitete Ende März/Anfang April eine Partnerschaftsgruppe in die Ukraine. Der Berliner Bezirk Steglitz/Zehlendorf will seine Partnerschaft zur ostukrainischen Großstadt Charkiw/Kharkov intensivieren. Schendel berichtet in mehreren Folgen in der AZ von seinen Reiseeindrücken und von Begegnungen mit Vertretern der ukrainischen Zivilgesellschaft.

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