Die Reihe der Live-Übertragungen startete am Wochenende mit „Phantom der Oper“ aus London

Großes Theater im Uelzener Kino

Vogelperspektive in die Royal Albert Hall: Die Aufführung wurde live aus London nach Uelzen übertragen.

Uelzen.

Warum ist der rote Teppich, diese Meile für VIPs, „very important persons“, personale vermeintliche Wichtigkeiten, eigentlich rot? Das war er übrigens bei Aischylos schon, als der in seinem Stück „Agamemnon“ dieses Stück Fußabtreter wahrscheinlich das erste Mal erwähnte: Der aus Troja heimkehrende Krieger Agamemnon wollte seinen Fuß erst nicht darauf setzen, weil die Farbe ausschließlich den Göttern vorbehalten sei. Er ließ sich von Gattin Klytämnestra letztlich überreden und – wir wissen, wie es ausging.

Ohne jegliche Hemmungen dagegen oder befürchtete Tragödien im Kopf beschritten am Sonntag alle Besucher des Central-Kinos den davor ausgerollten roten Läufer. Renate Böhm hatte für ein Fluidum-Extra gesorgt, schließlich gab es Theater im Kino. Das erste Mal und alle waren gespannt. Aus der weltberühmten Royal Albert Hall in London flimmerte die Live-Übertragung des „Phantoms der Oper“ über die Leinwand. Anlässlich des 25. Geburtstages des Gespenstes in großer Inszenierung (Cameron Mackintosh), die alle Register des Spektakulären, wozu eine Theaterbühne in der Lage ist, zu ziehen gewillt war.

Heidrun Szuggar und Hans-Jürgen Betzholz waren mit sechs Freunden gekommen und gut vorbereitet. Sie kennen das Musical von Andrew Lloyd Webber aus der Hamburger Aufführung, sind außerdem fleißige Operngänger und Fans von Heinz-Werner Lehmanns Soireen. Was erwarteten sie? „Ich glaube“, sagt Heidrun Szuggar, „wenn das Licht ausgeht, fühlt man sich wie im Theater.“ Hatten sich die Uelzener Kinobesucher auch in ihrem Outfit darauf eingestellt? Marion Walter, die mit ihrer Freundin gekommen ist, antwortet: „Ein bisschen schon. Das ,kleine Schwarze‘ ist vielleicht fehl am Platz, aber der Abend wird bestimmt was ganz Besonderes.“

Auch Ingrid Stolte aus Böddenstedt ist die Erwartung anzusehen. Vor 50 Jahren hat sie als Au-Pair live in der Royal Albert Hall gesessen, damals mit Frederick Loewes Welterfolg „My fair Lady“ auf den Brettern. Die Bilder des gigantischen Festspielhauses möchte sie für sich erinnern.

Fast alle Besucher hatten die Karten vorab reserviert. „Wir hätten doppelt so viele verkaufen können“, ist an der Abendkasse zu hören, an der es lange Schlangen gibt und Wartende, die auf ein zurückgegebenes Ticket hoffen. Dann geht es los! „The world‘s greatest lovestory“ (der Welt größte Liebesgeschichte) steht auf der Leinwand. Naja, das ist Ansichtssache. Schöne Bilder aus dem beeindruckenden Londoner Musentempel: Offenbar genauso ausverkauft wie das Uelzener Kino.

Bleibt es nun „bloß Kino“ oder wird es ein Theater-Erlebnis? Diese Frage hatte sich bestimmt jeder Zuschauer zuerst gestellt und: Er wird sie für sich beantwortet haben. Das Gefühl von Theater gibt es schon aus einem Grund nicht, weil nämlich der Blickwinkel durch zahllose Kameras ständig wechselt. Die Aufführung ist bombastisch ausgestattet und musikalisch über jeden Zweifel erhaben. Aber: Theater riecht anders! Und dass man im Uelzener Theater-Kino auch nach Beginn der Vorstellung noch seinen Platz suchen kann und mit der Popcorntüte knistern darf, wäre in London undenkbar. In der „Met“ in New York übrigens auch. Von dort werden die Opernübertragungen im Oktober fortgesetzt.

Von Barbara Kaiser

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