Gorleben und die Heuchelei der Politik

Von Thomas Mitzlaff - Es werden am Wochenende wieder dieselben Bilder sein, wie man sie schon seit Jahren im und ums Wendland sieht. Zeltstädte voll mit Protestlern, Polizisten tragen Demonstranten von den Schienen, begleitet von wütenden Pfiffen fährt der verhasste Zug im Schritttempo in Richtung Dannenberg. Es ist Castor-Zeit. Doch etwas ist anders in diesem Herbst 2010. Waren die Proteste in den Vorjahren weitgehend zu einer regional begrenzten Angelegenheit geworden, die man selbst im Nachbarkreis Uelzen nur noch beiläufig zur Kenntnis nahm, so ist in diesem Jahr das Interesse der Menschen – oder genauer: die Empörung – neu geweckt worden.

91 Behälter hochradioaktiven Atommülls lagern derzeit in Gorleben, sollte das Zwischenlager dort tatsächlich ein Endlager werden, liegen dort irgendwann bis zu 1500 Behälter strahlendes Gift – schon ohne eine längere Laufzeit der Atomkraftwerke. Doch mit der Entscheidung der schwarz-gelben Regierung, die Meiler nun noch länger am Netz zu lassen und die Zahl der Transporte in den Landkreis Lüchow-Dannenberg somit wohl in den fünfstelligen Bereich hochschnellen zu lassen, hat die Politik den Bogen endgültig überspannt.

Dabei kann man durchaus von „der Politik“ sprechen. Denn Schwarz-Gelb setzt jetzt zwar mit der Laufzeitverlängerung einer unsäglichen Lobbypolitik die Krone auf, doch was die vorherigen Regierungen sich geleistet haben, war nicht viel besser. Rot-Grün hatte damals die Augen verschlossen vor der Atomklo-Problematik und das Thema schön beiseite geschoben, über viele Jahre brauchte sich kein verantwortlicher Grünen-Bundespolitiker im Wendland blicken zu lassen. Jetzt stehen SPD und Grüne ganz vorne bei den Protesten – auch das ist eine unerträgliche Heuchelei. Nein, Bundespolitiker will keiner sehen an diesem Wochenende im Wendland. Denn die viele tausendenDemonstranten aller Alters- und Berufsschichten, die dort auf die Straße gehen, haben ein aufrichtiges Anliegen – und viele von ihnen die Nase voll von dem moralischen Niedergang der politischen Kultur in Deutschland.

Kommentare