Das Uelzener Frauenhaus will heute in der Innenstadt auf das Problem aufmerksam machen

Gewalt an Frauen ist klassenlos

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Britta Hönig und Monne Kühn (r.) betreuen die Bewohnerinnen des Uelzener Frauenhauses. Heute wollen sie mit Plakaten auf das Problem „Gewalt an Frauen“ in Uelzen aufmerksam machen.

Uelzen. Sie kennt keine Grenzen, sie hat viele Gesichter und sie ist auch in Uelzen Alltag: Gewalt an Frauen.

Rund 60 Frauen im Jahr werden im Frauenhaus aufgenommen, bringen teilweise Kinder mit und bleiben eine Nacht oder viele Monate. Sie bekommen hier die Unterstützung der Sozialpädagoginnen.

Britta Hönig und Monne Kühn berichten aus ihrem Arbeitsalltag: „Die Frauen, die zu uns kommen, erfahren Gewalt in allen Facetten.“ Sie berichten weiter: Die Frauen werden gewürgt, geschlagen, geschubst und Zigaretten auf ihnen ausgedrückt. Ihnen wird Geld vorenthalten, bis sie in ihrer Existenz bedroht sind. Sie werden missbraucht, vergewaltigt und psychisch unter Druck gesetzt, durch Erniedrigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen „systematisch zerstört“. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, urteilt Kühn. Typisch, berichten die Pädagoginnen, sei Gewalt als Teil einer Beziehung. Vom Ehemann oder Partner. Vom Vater, der Mutter oder den Brüdern. Von Freunden oder Ex-Partnern.

Wenn Frauen, betroffen, verletzt und immer wieder völlig aufgelöst bei ihnen ankommen, werden sie oft von der Polizei gebracht. In den zwei Wohnungen des Hauses können sie zur Ruhe kommen. Zehn Frauen haben hier gleichzeitig Platz. Bleiben sie länger, entwickelt sich eine Art WG-Leben. Aber zunächst verschaffen sich die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses einen Überblick. Was will und braucht die Frau? Was ist medizinisch und für ihre Sicherheit sowie finanziell wichtig? Nicht zuletzt: Müssen Kinder von der Schule freigestellt werden, damit sie nicht entführt werden?

Das Frauenhaus unterstützt auch vor Gericht, die Pädagoginnen treffen dort die Täter. Kühn: „Wir lernen teilweise sehr freundliche Männer kennen.“ Blenden lassen sich die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen davon nicht. Sie wissen, dass die saubere Fassade nach außen vielen Tätern wichtig und ein elementarer Teil des Komplexes Gewalt an Frauen ist. Denn die Täter kommen aus allen Schichten und sind für Außenstehende eben auch der nette Nachbar, der Besserverdiener und der großzügige Spender an den Sportverein. Hönig weiß: „Die Täter setzten das bewusst ein, geben der Frau zu verstehen, dass ihr sowieso niemand glauben werde, falls sie Hilfe suchten.“ Das Problem: Zuhause gibt es keine Zeugen. Andersherum: Öffentlichkeit schützt. Die Frauen des Frauenhauses können sich aus diesem Grund selbst versorgen, gehen einkaufen, treffen mitunter auch den Mann, vor dem sie geflüchtet sind, im Supermarkt oder auf der Straße – ohne dass etwas passiert. Für rund 40 von 60 Frauen reicht es daher, wenn sie eine neue, eigene Wohnung haben. Die anderen müssen die Region verlassen, um sicher zu sein. Für mehr Öffentlichkeit will das Frauenhaus Uelzen heute, am „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ sorgen. Als Gruppe wollen sie in der Innenstadt auf die Missstände aufmerksam machen und sich so für eine stärkere Position von Frauen und Mädchen in der Gesellschaft einsetzten. Das ganze als „lebende Mahnmale“ mit Plakaten, die in kurzen Sätzen brutale und echte Frauenschicksale aus Uelzen skizzieren.

Von Steffen Kahl

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