„Gesichter der Geschichte“

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Mehr als 180 Menschen kamen zum 525. Stiftungstag des Platenmeisterschen Lehens.

Uelzen/Landkreis. So lebendig kommt Geschichte selten daher. „Sie repräsentieren die Kontinuität von Familie“, zeigte sich Uelzens Bürgermeister Otto Lukat am Sonnabend beeindruckt, als er in der Veerßer St. Marien-Kapelle in rund 180 „Gesichter der Geschichte“ blickte. Sie alle hatten sich am Wochenende zum 525. Stiftungstag des Nork- und Platenmeisterschen Lehens versammelt – und damit eine der ältesten Stiftungen der Republik geehrt. Von Janina Fuge

Beim Auftakt in Veerßen warf man gemeinsam einen Blick zurück in jenes Jahr 1485, als Ribbeke Platenmester, „Bürger zu Uelzen“, in seinem Testament verfügte, aus der Pacht seiner Grundstücke und den Zinsen seines Besitzes die weiblichen Nachkommen seiner Familie in der Aussteuer wie auch die Armen der Stadt zu unterstützen. Dieses Testament ist das einzig überlieferte (aber nicht im Original erhaltene) Dokument einer bürgerlichen, der Gemeinschaft verpflichteten Frömmigkeit, das nach dem dreißigjährigen Krieg mit dem „Norkschen Mannlehen“, einer weiteren Bürgerstiftung Uelzen, vereinigt wurde und noch immer Bestand hat.

Viele vergleichbare Institutionen haben das nicht geschafft – und bis heute haben Lehensangehörige, wenn sie denn Kirchenmitglieder sind, die Möglichkeit der finanziellen Untersützung für die Ausbildung und bei Heirat.

Das Lehenstreffen stand nunmehr im Zeichen eines Austausches der Angehörigen der insgesamt zwölf Stämme der Stiftungsfamilie, in der Marien-Kappelle ging’s zunächst um einen historischen Rückblick. Pastorin Dr. Julia Koll sowie Propst Jörg Hagen als neuer Lehensinspektor betonten den Charakter der Stiftung als „Ausdruck des Glaubens“ (Jörg Hagen), Patron Jörg Schilling freute sich über deren Fortbestehen, dass sich in der Anwesenheit einer Reihe von jungen Menschen zeige. Prof. Thomas Vogtherr, Mediävist an der Universität Osnabrück, nahm als selbsternannter „Reiseleiter“ schließlich mit auf einen Ausflug ins Spätmittelalter, als Zeiten und Sitten rau und Hilfen selten waren. Wenige Quellen gibt es, doch jene, die Vogtherr auswertete, künden von gesellschaftlichen Spannungen, von Kneipenschlägereien, Vergewaltigungen oder Prozessen – und von einem Politikverständnis, in dem „Vetternwirtschaft“ nicht verwerflich, sondern erstrebenswert war: Übte jemand das Amt eines Ratsherrn aus, nahm man an, dass andere Familienmitglieder ebenfalls in Führungspositionen mit Verantwortungsbewusstsein reüssieren würden. Bildung war in dieser Zeit ein rares Gut, nur fünf Studenten konnte Vogtherr ausmachen, die zwischen 1480 und 1490 studierten. „Bildung war eine Investition“, betonte der Historiker, mussten Familien doch auf Arbeitskraft verzichten. Und dennoch: Menschen wie Norke und Platenmeister erkannten den Wert. Wie innovativ das war, zeigt sich auch heute, mehr als ein halbes Jahrtausend danach.

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