Vorschlag für die Ehrenamtswahl: Nazra Balawni engagiert sich als Dolmetscherin und Pädagogin

Mensch 2015: Gelebte Integration

Seit 22 Jahren lebt Nazra Balawni in Uelzen. Sie floh vor Krieg und ist in Deutschland voll integriert. Von den Erfahrungen der Dolmetscherin konnten viele Flüchtlinge profitieren.
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Seit 22 Jahren lebt Nazra Balawni in Uelzen. Sie floh vor Krieg und ist in Deutschland voll integriert. Von den Erfahrungen der Dolmetscherin konnten viele Flüchtlinge profitieren.

Uelzen. 15, 17 oder 20? Nazra Balawni weiß nicht genau, wieviele Kopftücher sie hat. „Viele sind es auf jeden Fall. “ Angesprochen wird sie immer wieder auf ihren Kopfschmuck, den sie in allen erdenklichen Farben besitzt.

Gerne erklärt sie dann, dass das Kopftuch schon seine Begründung im Islam habe, aber keineswegs für eine besonders konservative Glaubensrichtung stehe. „Die Hauptsache ist, dass man die Haare nicht sieht“, erklärt die 43-Jährige, „aber wir dürfen alles und wir machen alles: gehen raus, fahren Auto, alles ganz normal. Wir sind einfach auch modische Frauen. “.

Balawni ist angekommen in Uelzen, lebt seit 22 Jahren hier. Ihren Mann lernte sie in Syrien kennen, heiratete ihn ein Jahr später und folgte ihm ins ferne Norddeutschland. Nicht die erste große Veränderung in ihrem Leben: Als 19-Jährige verließ sie ihr Heimatland Libanon aufgrund eines Krieges und floh nach Syrien. Sie erinnert sich gut an die Umstände der Flucht, an Bomben und schreiende Kinder. „Die Angst um uns Kinder in den Augen meiner Eltern – das werde ich nie vergessen“, berichtet Balawni.

Diese Erfahrungen helfen ihr als ehrenamtliche Dolmetscherin für die Diakonie im Einsatz für die Flüchtlinge. Sie kann Sorgen, Ängste und Fragen verstehen. Quasi von der Kaffeetafel weg, genauer: aus dem „Frauentreff“ im CJD-Jugendmigrationsdienst, wurde sie mit der Ankunft des ersten Sonderzuges mit Flüchtlingen engagiert. Stunden-, tage- und letztlich wochenlang begleitet und unterstützt Balawni in der Folge arabisch sprechende Menschen bei ihren ersten Schritten in Uelzen, beim Gang zum Arzt und zu Ämtern.

Für ihr Engagement ist Nazra Balawni bei der Wahl „Mensch 2015“ nominiert, eine Aktion der AZ und der Sparkasse Uelzen Lüchow-Dannenberg in Zusammenarbeit mit dem Volkswagen Zentrum Uelzen. Bis Mittwoch, 27. Januar, können die AZ-Leser ihre Stimme abgeben – nur mit Originalcoupons aus der AZ. E-Paper-Kunden können aber auch mit einem Ausdruck des Coupons teilnehmen, wenn sie darauf ihre Kunden-Nummer eintragen.

Vier Jungs hat Balawni in Uelzen großgezogen, erst jetzt, da die Kinder selbstständig genug sind, kann sie sich wieder umfangreicher anderen Aufgaben widmen. Erst jetzt war Zeit, um die Tätigkeit als Dolmetscherin so umfangreich auszuüben.

Und auch bezogen auf die Flüchtlinge kamen erzieherische Aufgaben auf Balawni zu. Sie erinnert sich gut an einen Minderjährigen, der außerhalb Uelzens in einer betreuten Unterkunft unterkam, aus dieser aber immer wieder ausbüxte. „Er wollte nach Uelzen, weil da Freunde waren und mehr los ist“, erzählt Balawni. Bei einem gemeinsamen Termin beim Jugendamt moderierte Balawni eine praktikable Lösung. Dem Jungen machte sie deutlich, dass es gewisse Regeln gebe, an die er sich halten müsse, dem Amt konnte sie die Wünsche des Jungen so deutlich machen, dass es zu einem Kompromiss bereit war: „Der Junge lebt jetzt in Uelzen, geht zur Schule und spielt Fußball im Verein – alles ist ganz normal, alle sind zufrieden“, berichtet Balawni von einem kleinen Erfolg bei ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin.

Grenzen haben sich aber ebenfalls gezeigt, so Balawni. In einer Familie hätten die Brüder ihre Schwestern immer wieder drangsaliert, die Mutter sei der Situation nicht Herr geworden. Wie sich die Sache nach einem Umzug der Familie weiterentwickelte, weiß Balawni nicht.

Sie selbst freut sich derzeit darüber, sich weiter im Bereich Integration engagieren zu können. Balawni ist Pädagogische Mitarbeiterin an der Sternschule. Sie betreut die 7- bis 9-Jährigen in der „Willkommensklasse“. Darin lernen die Kinder, sich in der Klasse richtig zu benehmen, inklusive Stillsitzen. „Und wie man die Schere benutzt. Die Zahlen und die Farben“, ergänzt Balawni. Welche Rolle ihre Kopftücher dabei spielen, kann man sich denken.

Von Steffen Kahl

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