Gefährliche Ablenkung

Unfallverursacher Nummer eins: Smartphone, schminken, Burger essen

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Sekunden im Blindflug, dann vor Schreck frontal an den nächsten Baum – wie viele Unfälle sich so ereignen, lässt sich nicht sagen. Aber für Andreas Dobslaw, Verkehrsexperte bei der Polizei Lüneburg, steht fest, dass es sich um ein Massenphänomen handelt.

Uelzen. Nachrichten tippen, die Zigarette raus schnippen oder das Navi bedienen. Die Kinder bespaßen, Lippenstift auftragen oder Fastfood verspeisen – Ablenkung beim Autofahren hat viele Gesichter. Und „Ablenkung ist das große Thema der Zukunft.

Andreas Dobslaw

Sie ist ein Massenphänomen“, sagt Andreas Dobslaw, Verkehrsexperte bei der Polizeiinspektion Lüneburg. Dobslaw stellt heraus: „Ablenkung hat begonnen, Alkohol und Drogen sowie überhöhte Geschwindigkeit als häufigste Unfallursachen abzulösen.“ Er verweist auf eine Statistik, derzufolge ein Drittel aller Unfälle durch Ablenkung verursacht werden. Die Nutzung von Smartphones spielt hierbei eine besondere Rolle. Jüngst hat eine Studie der Technischen Hochschule Braunschweig Autofahrer hinsichtlich ihrer Ablenkung durch Smartphones beobachtet – ebenfalls ein Massenphänomen.

Das Problem: Lediglich bei Kontrollen und per Augenscheinsbeweis können die Beamten die Ordnungswidrigkeit ahnden. Die Konsequenz für alle, die von zwei Beamten mit Handy in der Hand gesehen werden: 60 Euro Bußgeld und ein Punkt in Flensburg.

Als Unfallverursacher werden die Geräte in Deutschland aber bisher nicht erfasst. Dobslaw erklärt das mit dem Datenschutz. Beamte dürften und könnten nach Unfällen im Normalfall nicht kontrollieren, ob ein Handy während des Unfallgeschehens genutzt wurde. Man geht bei der Polizei aber von einer hohen Dunkelziffer von Fällen aus, bei denen Ablenkung durch das Handy zu Unfällen führt.

Das können Bagatellfälle wie der Blechschaden im Stadtgebiet sein, die Smartphone-Nutzung kann aber auch schnell schlimme Konsequenzen haben. „Einen Frontalaufprall auf einen Baum außerorts mit Tempo 100 oder mehr zu überleben, ist ein Kunststück“, sagt Dobslaw. Bei einem Seitenaufprall gelte das bereits bei Tempo 50.

Auch wenn man nur wenige Augenblicke tippe, sei die Gefahr groß: „Sie gucken kurz auf ihr Handy und befinden sich sofort zig Meter im Blindflug – schon bei Ortsgeschwindigkeit. Wenn sie dann wieder nach vorne gucken, reicht schon eine Kleinigkeit, Straßenschäden oder ein aufflatternder Fasan, sie verreißen vor Schreck das Steuer, kommen von der Straße ab und knallen gegen einen Baum.“

Für Dobslaw ist klar: „Der Gesetzgeber muss handeln.“ Der erste Schritt könnte sein, nach Unfällen Handy-Daten anonym für eine Studie auszuwerten, um eine messbare Größe zu erhalten. „Wir müssen gucken, was bei uns los ist“, meint Drobslaw. Sollte bei vielen Unfällen eine parallele Handy-Nutzung festgestellt werden, müsse sich der Gesetzgeber etwas einfallen lassen. Eine mögliche Konsequenz: Aus dem bisherigen Verbot des In-der-Hand-Haltens könne ein generelles Nutzungsverbot im Auto werden.

Auch Freisprechanlagen mit Sprachsteuerung seien als technische Lösung geeignet, das Problem zu reduzieren. Drobslaw: „Das sollte der Standard werden. Das würde das Problem lösen.“

Ein eher kurzfristiger Ansatz: 2016 soll die Handy-Nutzung einen Schwerpunkt bei den Verkehrskontrollen in der Region bilden.

Von Steffen Kahl

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