Schüler im Gespräch mit Senioren des Wichern-Hauses

Von früher für das Morgen lernen

Hatten sich viel zu sagen: Der 90-jährige Hellmut Grote und die Elftklässlerin Thu-Ha Nguyen. Foto: Tenbrink

Uelzen. „Heute Nachmittag spielen wir hier Bingo“, erzählt Anni Rathje, „da habe ich auch schonmal einen Pokal gewonnen. “ Ihre Zuhörer nicken ein wenig ratlos. Bingo haben sie scheinbar noch nicht als App auf ihrem Smartphone.

Aber um das Nummernspiel ging es auch nur am Rande bei dem Treffen zwischen Jung und Alt im Wichern-Haus.

Rund 40 Schüler des beruflichen Gymnasiums der BBS I und 16 Senioren des Alten- und Pflegeheims trafen sich gestern im Aufenthaltsraum der Einrichtung, um „gemeinsam Geschichte zu erleben“, wie es Heimleiterin Marion Strothman formulierte. Sie kann sich durchaus vorstellen, dass dieser Austausch künftig regelmäßig stattfindet: „Beide Seiten profitieren davon“, hebt die 48-Jährige hervor, „für unsere Senioren ist es auch eine große Abwechslung und sie empfinden den Austausch als sehr belebend.“

Das Thema, das die Gespräche zwischen Schülern und Senioren einrahmen sollte, lautete „das Leben in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts“. Von den Lebensumständen zu Zeiten des Wiederaufbaus verliefen die Unterhaltungen jedoch in die unterschiedlichsten Richtungen. An einem Tisch war das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern Thema, an einem anderen der Wandel im Schulalltag. Auch Umweltverschmutzung, das Ozonloch und die Mediennutzung werden besprochen.

Gleich in mehreren der kleinen Grüppchen geht es um unterschiedliche Wertvorstellungen damals und heute. Und obwohl die 17-jährigen Erik Wobke und Daniel Gräfke vielleicht nicht ganz genau nachvollziehen können, was sich Helmut Born unter Ehre und Disziplin vorstellt, hören sie den Ausführungen des 87-Jährigen aufmerksam zu. „Und wir sind uns darüber einig, dass der Ehrensold für den ehemaligen Bundespräsidenten überzogen ist“, fasst Gräfke das Resultat zusammen.

Geschichtslehrer Rolf Fleischmann, der das Treffen auf Anregung zweier Schülerinnen vereinbart hatte, zeigte sich äußerst zufrieden mit der Veranstaltung. „Ohne das Wissen um die Vergangenheit kann man die Gegenwart nicht verstehen“, betonte der Pädagoge schon in seiner Begrüßung, „und ohne Verständnis für die Gegenwart lassen sich keine Visionen für die Zukunft entwickeln.“ Eigentlich bespreche man im Unterricht gerade die Französische Revolution, aber für solch einen Austausch müsse immer Zeit sein. Bewusst habe man nicht das sensible Thema Nationalsozialismus gewählt, sondern die ersten Jahre der Bundesrepublik. Hellmut Grote und Thu-Ha Nguyen kamen in ihrem Gespräch jedoch auch auf Bombardierungen zu sprechen: Die 16-Jährige berichtete von dem Elternhaus ihrer Mutter in Vietnam, das gleich zweimal von Bomben zerstört wurde – und von den vielen persönlichen Unterlagen, die hierdurch verloren gingen. Der 90 Jahre alte Grote, ehemaliger Standesbeamter in Uelzen, kann sich noch gut an die Situation in Deutschland erinnern: „Das ging hier auch ganz vielen so, dass sie plötzlich keine Papiere mehr hatten.“

Von Karsten Tenbrink

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